Kapitel 1
Heute
Die St-Pauls-Kirche von Little Milden befand sich in einer ländlichen Oase ein Stück außerhalb des kleinen Dorfes in Suffolk. Vom Dorf bis zur Kirche waren es gut zehn Minuten zu Fuß. Sie lag an einer ruhigen Landstraße, die eigentlich die beiden fernen Ballungsgebiete Ipswich und Sudbury miteinander verband, doch in Wahrheit war auf der Straße nicht viel los. Sie wurde von leicht hügeligen Wäldern und ausgedehnten Feldern gesäumt, die im Spätsommer bis zum Horizont Blicke über ein goldenes Meer von sonnengereiftem Weizen freigaben.
An diesem malerischen Plätzchen herrschte eine Atmosphäre des ungestörten Friedens. Selbst Menschen, die sich nicht zur Religion hingezogen fühlten, dürfte es schwerfallen, an diesem Ort irgendeinen Mangel zu entdecken. Man hätte sogar meinen können, dass dort niemals etwas Schlimmes passieren könnte – wären da nicht die Ereignisse eines bestimmten späten Juliabends gewesen, etwa vierzig Minuten nach dem Ende der Abendandacht.
Es ging los, als der große, dunkelhaarige Pfarrer aus dem Pfarrhaus trat und an der Zaunpforte stehen blieb. Er war etwa Mitte dreißig, eins neunzig groß und von beeindruckender Statur: quadratische Schultern, breite Brust und kräftige, von der Sonne gebräunte Arme, die er vor seinem rosafarbenen, kurzärmeligen Hemd verschränkt hatte. Er hatte volles schwarzes, lockiges Haar, ein markantes Kinn, eine gerade Nase und verschmitzt funkelnde blaue Augen. Wer ihm auf der Straße begegnete, mochte es vielleicht merkwürdig finden, dass so ein durch und durch maskulines Exemplar von einem Mann seine Berufung darin gefunden hatte, den Talar zu tragen. Es war zumindest nicht ganz ausgeschlossen, dass einige seiner weiblichen Gemeindemitglieder von seinem Aussehen abgelenkt wurden und ihn von den Kirchenbänken aus eher anhimmelten, anstatt seinen Predigten zuzuhören, doch an diesem Abend warer es, der von etwas abgelenkt worden war.
Und da war es schon wieder.
Ein dritter oder vierter schwerer Schlag, der hinter der Kirche ertönte.
Im ersten Moment fragte der Pfarrer sich, ob es vielleicht das Echo der Arbeiten in einer fernen Werkstatt war, das die warme Sommerluft zu ihm trug. Von der Südseite der Kirche aus konnte man am fernen südlichen Rand des angrenzenden Weizenfeldes das Dach von Bauer Holbrooks Scheune sehen. Doch das war das einzige Gebäude weit und breit, und es war eher unwahrscheinlich, dass dort an einem ruhigen Montagabend noch schwer gearbeitet wurde.
In dem Moment ertönte etwas, das klang wie ein fünfter Schlag, doch diesmal klang er entschiedener, intensiver und lauter, als ob er mit Wut ausgeübt worden wäre. Der Pfarrer öffnete die Pforte, trat auf den Pfad und steuerte die nordwestliche Ecke der Kirche an. Als er sie erreichte, hörte er einen weiteren Schlag. Und dann noch einen und noch einen.
Diesmal wurden die Schläge von einem Krachen begleitet, einem Geräusch von zersplitterndem Holz.
Er eilte zur südwestlichen Ecke der Kirche. Es folgte ein weiterer Schlag, diesmal begleitet von einem Ächzen, als ob sich jemand gewaltig anstrengte.
Unmittelbar an der Südseite der Kirche befand sich ein vernachlässigter Teil des Geländes. Aus dem langen sommerlichen Gras ragten verwitterte Grabsteine aus dem achtzehnten Jahrhundert empor. Hinter den Grabsteinen befand sich ein verrosteter Metallzaun, der die Grenze zu dem Weizenfeld bildete. Es mochte ein beunruhigender Gedanke sein, dass man auf dieser Seite der Kirche komplett von der Straße und dem vorbeifahrenden Verkehr abgeschirmt war, aber der Pfarrer hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Er bog um die letzte Ecke, ging ein p