: Willibald Steinmetz
: Neue Fischer Weltgeschichte. Band 6 Europa im 19. Jahrhundert
: S. Fischer Verlag GmbH
: 9783104024066
: Neue Fischer Weltgeschichte
: 1
: CHF 65.00
:
: Neuzeit bis 1918
: German
: 768
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein großartiges, umfassendes Panorama der europäischen Geschichte im 19. Jahrhundert. Der Historiker Willibald Steinmetz erzählt, wie das Europa entstand, das wir heute kennen, von 1800 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Freiheit und Gleichheit waren die großen Versprechen der Aufklärung, die nach 1789 auf dem gesamten Kontinent greifbar wurden. Doch das 19. Jahrhundert wurde ein Zeitalter der Widersprüche: Das Streben nach Demokratie stand neben nationalistischen Ideen und Praktiken der Ausgrenzung. Die Industrialisierung eröffnete unendliche Möglichkeiten - und führte zu neuen sozialen Konflikten. Und Europa griff nach der Welt, Kolonialismus und Imperialismus brachten neue Konstellationen hervor. Willibald Steinmetz schildert die Phase von 1800 bis 1914 als fortwährenden Wettbewerb zwischen Nationen und Imperien, von Großbritannien über Frankreich, Italien und Deutschland bis zu Österreich-Ungarn und Russland. Heute erleben wir, dass trotz aller gemeinsamen Werte der Nationalismus eine neue Blüte erlebt - der Blick zurück zeigt, wie wertvoll ein geeintes Europa für jedes der beteiligten Länder sein kann.

Willibald Steinmetz, geboren 1957, lehrt Geschichte an der Universität Bielefeld. Er war Fellow am Freiburg Institute for Advanced Studies und am St. Antony's College in Oxford. Er zählt zu den besten Kennern der europäischen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert.

Einleitung


1.Europa in der Welt – eine Provinz?


Man hat das19. Jahrhundert das »Jahrhundert Europas« genannt.[1] Damit ist gemeint, dass die Welt im Laufe des19. Jahrhunderts in einem Maße von Europa aus militärisch unterworfen, wirtschaftlich ausgebeutet, administrativ durchdrungen, wissenschaftlich erforscht und kulturell überformt worden ist wie niemals zuvor und niemals danach. Europäische Metropolen bildeten die zentralen Knoten in einem Netz weltumspannender Beziehungen. Von hier gingen die für andere Erdteile folgenreichsten Initiativen aus, hier liefen die meisten Fäden zusammen. So gesehen, war Europa im19. Jahrhundert keine Provinz. Dabei gilt es jedoch zeitlich zu differenzieren. Als »Jahrhundert Europas« erscheint das19. Jahrhundert vor allem, wenn man es von seinem Ende her betrachtet. Beginnen wir also einmal nicht am Anfang, bei der Französischen Revolution oder Napoleon, sondern mit einem Rückblick aus der Perspektive des ausgehenden19. und frühen20. Jahrhunderts.

Eine typische politische Weltkarte aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, zum Beispiel diejenige aus demCambridge Modern History Atlas von1912, zeigt große Flächen, auffällige Umrisse und viele kleinere Tupfer in den Farben europäischer Mächte.[2] Diese wenigen Mächte kontrollierten um1900 weite Teile Afrikas, Asiens und Ozeaniens. Sogar in der amerikanischen Hemisphäre besaßen sie – neben Kanada – noch etliche Inseln und Brückenköpfe. Auch jenseits der eigenen Kolonialreiche waren Europäer überall auf der Welt unterwegs; manche von ihnen kehrten nicht in ihre Herkunftsländer zurück. Auf dem gesamten amerikanischen Kontinent, in vielen Teilen Afrikas, in Sibirien, in den süd- und ostasiatischen Hafenstädten, in den Plantagenregionen der Karibik und Südostasiens, in Australien und Ozeanien machten sich Scharen europäischer Siedler, Geschäftsleute, Abenteurer, Missionare, Offiziere und Beamte auf Kosten einheimischer Bevölkerungen breit. Eine ethnische Karte aus einem amerikanischen historischen Atlas von1911, in der die damalige Weltbevölkerung grob nach »Europeans« (rosa), »Chinese, Japanese« (gelb) und »Negroes« (dunkelgrau) eingezeichnet ist, vermittelt ein anschauliches Bild dieser Ausbreitung. Zugleich erinnerte die Karte ihre amerikanischen Betrachter daran, dass sie sich selbst, sofern sie Weiße waren, als »Europäer« fühlen sollten.[3] Aus Europa machten sich im19. Jahrhundert Millionen von Menschen auf den Weg nach Übersee, während es umgekehrt nur sehr wenige Einwanderer nicht-europäischer Herkunft aufnahm. Trotz der negativen Wanderungsbilanz erreichte es am Ende des19. Jahrhunderts den im Vergleich zu seiner Fläche höchsten Anteil an der Weltbevölkerung, nahezu ein Viertel.[4]

Die Europäer breiteten sich nicht nur überall aus, sie hatten auch ihre Wertvorstellungen und Institutionen im Gepäck und drängten sie den Einheimischen mehr oder weniger gewaltsam auf. Manche Errungenschaften enthielten sie ihnen auch vor, insbesondere gleiche Rechte. Oft trafen die Europäer auf Widerstand, vieles wurde nur oberflächlich übernommen, aber folgenlos blieb die Übernahme nicht. Noch lange nach der Dekolonisation der zweiten Hälfte des20. Jahrhunderts fiel es den europäisch erzogen