: Alexa Hennig von Lange
: Die Weihnachtsgeschwister Roman
: DuMont Buchverlag
: 9783832184742
: 1
: CHF 8.00
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 160
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Es ist Weihnachten und nacheinander trudeln die Geschwister Tamara, Ingmar und Elisabeth mit ihren Kindern und Partnern im Haus ihrer Eltern ein. Schneeflocken fallen sanft vom Himmel und wie jedes Jahr weckt das vertraute Heim für einen Moment die Hoffnung auf ein besinnliches Fest. Doch sobald alle an einem Tisch sitzen, ist es mit dem Frieden vorbei: Tamara ist neidisch auf Elisabeth, die nicht nur beruflich erfolgreicher ist, sondern jetzt auch noch diesen attraktiven neuen Freund mitgebracht hat. Ingmar ärgert sich über Tamaras mangelndes Interesse an ihren Mitmenschen und dem Klimawandel. Elisabeth versucht wie immer, zu allen nett zu sein, und macht es dadurch nur noch schlimmer. Nach einer Nacht im Hotel kommen die drei Geschwister an Heiligabend wieder am Elternhaus zusammen. Aber zu ihrer großen Überraschung öffnet ihnen niemand die Tür. Wo sind die Eltern? Um das Rätsel zu lösen, begeben sich Tamara, Elisabeth und Ingmar auf eine Spurensuche zurück in ihre glückliche Kindheit. Und finden eine magische Botschaft für ihre Zukunft.

Alexa Hennig von Lange, geboren 1973, wurde mit ihrem Debütroman>Relax< 1997 zu einer der erfolgreichsten Autorinnen ihrer Generation. Es folgten zahlreiche weitere Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Jugendbücher. 2002 wurde Alexa Hennig von Lange mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Bei DuMont erschienen die Romane>Risiko< (2007), Peace< (2009) und>Kampfsterne< (2018). Die Schriftstellerin lebt mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern in Berlin.

ES SCHNEITE. Dicke, wattige Schneeflocken. Unendlich viele weiße, zarte Fladen kamen geradewegs aus dem milchigblauen Himmel heruntergesegelt. Fröhlich. Unabhängig. Heiter. Frei. So frei, dass Tamara am liebsten angefangen hätte zu weinen. Diese Schneeflocken, die direkt vor ihr auf der Windschutzscheibe landeten und neugierig zu ihr ins Innere des Autos sahen, erinnerten sie an früher, als sie noch hier in dieser Straße gewohnt hatte und ein vergnügtes Mädchen gewesen war.

Die Schneeflocken legten sich ganz und gar auf die Windschutzscheibe, so, als würden sie mit ihrer gesamten Fläche zu Tamara und ihrer Familie ins geparkte Auto gucken wollen. Als würden die Schneeflocken genau wissen wollen, wie so eine erledigte Familie kurz vor Weihnachten aussah.

Tamara saß auf der Beifahrerseite. Unfreiwillig. Normalerweise saß sie am Steuer und fuhr ihre beiden Jungs nach der Schule herum. Zum Klavierunterricht, zu Klassenkameraden, zu ihrenYu-Gi-Oh!-Wettkämpfen. Es fühlte sich gut an, das Lenkrad mit beiden Händen zu umfassen, die Gangschaltung mit Kraft zu betätigen, wenn sie in ihrem Wohnviertel ein wenig zu schnell unterwegs war, wenn sie manchmal rote Ampeln überfuhr, dicht an Radfahrern vorbei. Sie liebte diesen ganz leichtenThrill, etwas Gefährliches zu tun. Das waren die Momente des Tages, zwischen Schule und Fußballtraining, zwischen Sportplatz und Supermarkt, die wirklich rauschhaft waren. Aber heute hatte ihr Mann die lange Strecke übernehmen wollen. Also stauten sich um Tamaras Beine die Taschen mit dem Proviant, der während der Fahrt nicht mal zum Teil aufgegessen worden war. Ihre Jungs hatten ihr die angebissenen Brote sofort wieder nach vorne gereicht: »Können wir bitte bei McDonald’s anhalten?«

All ihre Lebenszeit, die ins Butterbrotemachen floss. Wofür? Damit ihre Kinder etwas Vernünftiges aßen. Damit sich die Jungs geliebt und versorgt fühlten. Und dann bissen sie nicht einmal richtig davon ab. Von ihrer Lebenszeit. Sondern reichten sie zurück nach vorne. Was sollte Tamara jetzt damit machen? Die Brote selbst aufessen? Oder wegschmeißen? Weil Tamara keine Lust hatte, ihre Kinder kurz vor Weihnachten zu mehr Respekt zu erziehen, und auch keine Energie mehr hatte, ihnen zu erklären, dass sie nicht ihre Bedienstete war, packte sie die Brote einfach mit einem Seufzer zurück in die Dosen. Das hatte sie die ganzen letzten Jahre über auch schon getan. Lebenszeit in Tupperdosen packen. Jetzt war ihr Mann mal dran, die Fahne des Respekts hochzuhalten, aber der ging offenbar ebenfalls gerne kurz vor Heiligabend zu McDonald’s, weil er das ganze Jahr über nicht dazu kam. Er saß ja nur im Büro.

Tamara zog ihre Winterjacke vorne zu, obwohl von unten gerade noch ihre Sitzheizung wärmte. Es war mehr so eine reflexhafte Geste, als würde sie sich panzern müssen. Gegen das Außen. Gegen all die ständigen kleinen Herausforderungen, die das Leben so mit sich brachte. Ganz im Allgemeinen. Gleich würden sie aussteigen und an der Tür ihrer Eltern klingeln. Gleich. Noch nicht jetzt. Erst einmal kurz durchatmen und sich vorstellen, sie sei eine der vielen zarten Schneeflocken auf der Windschutzscheibe, um wieder zu etwas mehr Leichtigkeit zu kommen. Sie fühlte sich so schwer. So träge. So ausgelaugt.

Neben ihr, hinterm Lenkrad saß Quirin, ihr Mann. Total überarbeitet, mit immer weniger Haaren, Augenringen und Bauchansatz. Jedenfalls nicht der Mann, den sie damals beim Karate im weißen Kampfanzug kennengelernt hatte. Beide mit dem symbolträchtigen blauen Gürtel der Entfaltung ausgestattet. Sie machten schon seit Ewigkeiten keinen Sport mehr. Im Auto war es still. Ihr Mann sah ebenfalls kurz die Schneeflocken an, so, als würde auch er sich mehr Leichtigkeit wünschen, dann suchte er etwas neben sich in der Seitentasche. Sein Handy. »Ich muss nur noch mal kurz …« Er lächelte entsch