Kapitel eins
Savannah
Vor sechs Monaten
Ich schaue mit leerem Blick zur Leinwand, ohne die actionreiche Handlung zu verfolgen. Stattdessen sind da nur die beiläufigen Worte meines Freundes, die mir in den Ohren widerhallen.Ich finde, wir sollten uns auch mal mit anderen treffen. Das hatte er ganz nebenbei gerade in dem Moment bemerkt, als der Film anfing.
Jetzt ist der verdammte Streifen schon halb vorbei, und ich kann nicht mal sagen, worum es überhaupt geht. Ich muss die ganze Zeit nur daran denken, dass mein blöder Freund mir den Laufpass geben will, kurz bevor ich läufig werde.
Natürlich weiß er nicht, dass es bald so weit ist. Ich habe ihm nichts gesagt. Eigentlich habe ich ja vorgehabt, heute Abend ein ernsthaftes Gespräch darüber zu führen, die Sache zwischen uns auf die nächste Ebene zu heben. Darauf warte ich schon drei Monate lang. So nach dem Motto:Lass uns endlich das volle Programm durchziehen. Aber dieses Gespräch kann ich mir ja jetzt wohl erst einmal sparen.
Mit vor der Brust verschränkten Armen schmolle ich vor mich hin und starre weiter auf die Leinwand, wo gerade ein Auto über einen leeren Highway donnert. Das Kino ist voller johlender Menschen, aber mein Freund schweigt. Hat er die Bombe absichtlich direkt vor dem Filmanfang platzen lassen, damit ich nichts dazu sagen konnte?
Ein schreckliches Timing. Das heißt, für ihn vermutlich ein ideales, schließlich ist mein Freund Chris ein ziemlicher Drecksack. Aber wir waren zwei Monate zusammen. Er war eigentlich ein netter Kerl – süß, sexy, lustig –, es hat Spaß mit ihm gemacht. Er hat mir die Tür aufgehalten, wenn wir ausgegangen sind, und er hat mich nicht bedrängt, mit ihm zu schlafen.
Er ist als Gestaltwandler außerdem ein Tiger, was bedeutet, dass er gut zu meiner Werpuma-Seite passt. Wirklich, in der Theorie ist er perfekt für mich.
In der Theorie.
Ich schäume innerlich, während der Film weiterläuft. Ich kann es nicht glauben. Schon sehr bald werde ich läufig. Und das macht mich gereizt, sexbesessen und bedürftig. Ich habe eigentlich vorgehabt, mir meine Jungfräulichkeit bis zur Hochzeit zu bewahren, aber für weibliche Gestaltwandler ist es eine große Sache, läufig zu werden. Wir haben unseren Eisprung nicht monatlich wie menschliche Frauen, sondern werden vielleicht nur ein- oder zweimal – wenn man wirklich großes Glück hat, dreimal – im Leben läufig. Es ist nichts, was man vermeiden kann, und wir sind nur dann fruchtbar, wenn wir läufig sind. Also kommt zu dem »Ich muss Sex haben«-Problem auch noch das Familiengründungs-Ding hinzu.
Sicher, ich kann meinen Freund dazu bringen, ein Kondom zu benutzen. Aber bin ich wirklich bereit zu sagen: Ja, ich will im Moment auf gar keinen Fall Kinder? Oder vielleicht auch überhaupt nie? Was, wenn ich nie wieder läufig werde und meine Gelegenheit somit verpasst habe?
Nicht dass das vorher je Thema gewesen wäre. Ich habe es genossen, mit Chris zusammen zu sein. Aber jetzt … will er sich mit anderen Frauen treffen.
Und dabei war ich kurz davor, mit ihm in die Kiste zu springen. Denn wenn ich nicht mit Chris schlafe, mit wem denn dann? Die Läufigke