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Gut fünfzig Jahre später
Kriminalität. Menschenmassen. Die Art, wie die Großstadt Mädchen zwingt, zu schnell erwachsen zu werden, sie ihrer Unschuld beraubt. Für die Familie ist es Zeit, London zu verlassen, irgendwohin zu ziehen, wo es freundlicher zugeht, harmloser. In den vergangenen drei Monaten haben sie bereits eine Reihe von Häusern besichtigt – der Maklerauftrag lautete: ländlich, geräumig, gern renovierungsbedürftig – , doch bei keinem der Häuser hatte Jessie bisher das Gefühl, dass es ein Zuhause werden könnte. Bis zu diesem Moment: Auf Applecote Manor an einem Nachmittag Ende Januar fühlt sie sich wie von Sonnenlicht erfüllt.
Natürlich ist es ziemlich heruntergekommen. Sonst könnten sie sich solch ein Haus unmöglich leisten. Immergrüne Pflanzen drängen sich eng an die Orangerie, drohen, die Fenster einzudrücken und ihre giftigen Beeren wie Perlen über die hölzerne Fensterbank zu verstreuen. Die Steinplatten am Boden bäumen sich in der Mitte des Raumes auf, als versuche sich irgendein Geschöpf aus der Erde zu erheben. Doch Jessie stellt sich bereits baumelnde Orangen vor, warm und schwer in der Hand, und durch die geöffneten Glastüren dringen die Hochstimmung des Sommers und das helle Tönen wilden Mädchenlachens herein.
Mit weichem Blick folgt sie dem Scheibenmuster der Gewächshausfenster bis zu deren geometrischem Scheitelpunkt, eine meisterhafte viktorianische Konstruktion, die selbst im englischen Klima neben flauschigen Äpfeln der Sorte Cox Orange auch kräftig duftende mediterrane Früchte verspricht. Etwas an diesem Optimismus – Kontrolle durch Begrenzung, eine Art zwanghafte Fürsorge – spricht sie flüsternd an: Versucht sie nicht etwas Ähnliches, bloß mit ihrer Familie?
Jessie wirft einen Blick auf Bella, die auf der Fensterbank hockt und eine Textnachricht in ihr Handy tippt. Mit ihren langen Beinen und den tiefschwarzen Haaren ist ihre Stieftochter das offenkundige Ebenbild ihrer verstorbenen Mutter, der ersten Mrs. Tucker. Sie spürt Jessies fragenden Blick, hebt ihr blasses Adlergesicht, kneift die Augen zusammen und erwidert ihn voll erbitterter Ablehnung.
Jessie ist froh, dass Will ihn nicht mitbekommen hat, diesen Blick. Mit in den Manteltaschen vergrabenen Händen schaut ihr Mann in die düstere angrenzende Küche, und seine rührend gerunzelte Stirn verrät sein Bemühen, den Traum vom Landleben – eine urbane Männerfantasie von Holzhacken und möglicherweise Sex im Freien – mit dem gespenstischen Geräusch flatternder Vögel in höhlenartigen Schornsteinen und dem Gefühl klammen Dunstes in Einklang zu bringen.
Unter dem Wollfutter ihrer Lieblingslammfelljacke im Siebzigerjahre-Stil, der gut zu der rauen Umgebung passt, schlägt Jessies Herz schneller. Zum wiederholten Male schiebt sie ihr herbstrotes Haar hinters Ohr, ordnet ihre Gedanken. Denn sie weiß, dass ein gewaltiger Unterschied besteht zwischen der Besichtigung eines alten Landhauses an einem Winternachmittag – wenn trübes Licht durch Baumskelette dringt, missmutig und fremd wie etwas aus einem Traum – und dem Stress eines Umzugs hunderte von Kilometern weit weg, für den man seine Stadthaut abstoßen muss. Es wäre ein Akt waghalsigen Vertrauens, so wie damals, als sie sich in Will verliebte. Doch das Haus fühlt sich einfach richtig an – so wie Will von Anfang an – und auf eine Art, die sie nicht erklären kann, wie für sie