Der dichte Dunst der noch finsteren Morgenstunden erhob sich von den Wassern des Sesto und hüllte die Mühle neben dem kleinen Hafen ein. Die dunklen Konturen des Sees verloren sich im Morast des Rieds. Bonaventura hob den Blick und nahm den Schattenriss des Waldes jenseits des kleinen Anlegers wahr. Über den torfschweren, von schlafenden Fröschen bevölkerten Sümpfen zwischen Wasser und Wald wucherten Brombeeren und Queller. Seine Jugend hatte Bonaventura an einem sehr viel größeren See verbracht, dem Sebino, der heute nach seiner Geburtsstadt Iseosee hieß. Wie auch die Fischer, deren Rufe von den zum Ankerplatz zurückkehrenden Booten herüberhallten, hatte das süße Wasser des Sebino ihn reich beschenkt: Schleien, Aale, Barben, Quappen, Karpfen, Grundeln, Hechte und Finten zappelten schillernd in den Netzen. Er liebte es, gemeinsam mit seinem Vormund, der ihn aufgezogen und ihm die nie gekannten Eltern ersetzt hatte, die schönsten herauszusuchen. Graf Giacomo Oldofredi war ein Mann des Schwertes und des Zorns, tagein, tagaus in Kriege und bewaffnete Waffenstillstände verwickelt. Er hatte Bonaventura nicht in seine Obhut genommen, um sich ein weiteres hungriges Maul an den Hof zu holen, sondern war der Empfehlung eines Mönches gefolgt, der in höfischen Kreisen verkehrte und auf das sprachliche Talent des Jungen aufmerksam geworden war. Schon im zarten Alter von sieben Jahren übersetzte er die griechischen und römischen Klassiker und war mit der Mundart Barbarossas und der Provenzalen ebenso vertraut wie mit der mannigfachen Flora in den Tälern oberhalb des Sees. Der Graf wusste diese Begabung zu schätzen, suchte er doch stets nach Vertrauensleuten, die Friedens- oder Bündnisverträge abfassen und ihm dabei den größtmöglichen Vorteil verschaffen konnten, dank der einen oder anderen nebulösen Formulierung, die es zu gebotener Zeit erlaubte, sich über die getroffenen Abmachungen hinwegzusetzen und vermeintliche Ansprüche einzufordern. Bonaventuras Dienst schloss ein, den Blick gen Himmel zu richten, um den Lauf der Gestirne und ihre zahllosen Einflüsse auf das Leben der Menschen zu studieren und Strategien anzuempfehlen und zu Vorsicht oder Kühnheit zu raten. Neben den Auspizien und dem Schwert galt die Leidenschaft des Grafen dem Gold, nach dem seine Augen und Hände am Ende der Eroberungsfeldzüge heftiger gierten als nach Frauen und Wollust. Wie so viele Menschen war auch Bonaventuras Herr ganz versessen auf das Geheimnis, mit dem sich schnödes Metall in Gold verwandeln ließ, und so war es unerlässlich, auf der Suche nach der perfekten alchemistischen Formel durch die Welt zu reisen und die Manuskripte großer Gelehrter wie Gerbert und Avicenna zu studieren. Bis in die Länder jenseits des Meeres gelangte der junge Bonaventura, wo ihm die Ungläubigen, die dort regierten, ihre jahrtausendealten Geheimnisse anvertrauten. Er umgab sich mit gelehrten Scharlatanen und beschlagenen Schwindlern und erweiterte sein Wissen auf jede denkbare Weise, lauter oder nicht. Bis zu jenem Tag, der alles veränderte und seine Weisheit in Frevel und seine Taten in Schmach verwandelte.
Ein Geräusch unterbrach den F