Kapitel 1
Prien am Chiemsee in Oberbayern Ende November
MIA
»Das war schon richtig gut, aber ihr könnt es noch besser!«, sagte Mia und nickte den Mitgliedern des Schulchores aufmunternd zu. »Also, noch ein letztes Mal, dann habt ihr es für heute geschafft!«
Die knapp dreißigjährige Mia Garber war Musiklehrerin und bekannt dafür, ihren Schülern alles abzuverlangen. Und doch gab es niemanden, der sich darüber beschwert hätte. Ganz im Gegenteil. Der Musikunterricht und die Gesangs-AG bei Frau Garber zählten zu den Höhepunkten des wöchentlichen Unterrichtes. Für die musischen Schüler des Gymnasiums auf Schloss Willing am Chiemsee war es ein Privileg, Teil des Chores zu sein. Nur die Allerbesten der Mittel- und Oberstufe durften bei Frau Garber mitsingen.
»Und Achtung!«
Mia spielte auf dem Klavier die ersten Töne des französischen LiedesMinuit, Chrétiens von Placide Cappeau und Adolphe Adam, das vielen womöglich eher in der englischen Version unter dem TitelOh Holy Night aus dem FilmKevin – Allein zu Haus bekannt war.
Nach ein paar Sekunden setzten die Schüler ein, trugen das Lied zuerst in seiner französischen Originalfassung, dann auf Englisch und schließlich in der deutschen Version vor.
Das Thema des diesjährigen Weihnachtskonzertes, das traditionell einen Tag vor dem Heiligen Abend aufgeführt wurde, lautete »Eine musikalische Weihnachtsreise«. Schon jetzt, Ende November, waren die Karten dafür restlos ausverkauft.
Gemeinsam mit ihren Schülern hatte Mia Musikstücke aus unterschiedlichen Ländern ausgewählt. Die »Reise« war jedoch nicht nur geografischer Natur, sondern bezog sich auch auf verschiedene Epochen.
Es hatte Mia positiv überrascht, dass ihre Schützlinge sowohl ein traditionelles Weihnachtslied aus dem 16. Jahrhundert vorgeschlagen hatten, wie auch moderne Weihnachtssongs aus den Radiocharts. Das Ergebnis war eine äußerst vielfältige Mischung, die Mia jedoch erst noch von der Direktorin absegnen lassen musste. Das hätte sie am liebsten noch eine Weile hinausgezögert, denn Frau Wurm-Fischer – ein Doppelname, der hinter vorgehaltener Hand nicht nur bei Schülern für freche Bemerkungen sorgte – würde erfahrungsgemäß kritisieren, dass zu wenige klassische Stücke zum Repertoire gehörten.
Seit mehr als drei Jahren arbeitete Mia bereits als Musiklehrerin und Chorleiterin am privaten Gymnasium, und noch immer musste sie vor jedem Konzert und jeder musikalisch untermalten Schulveranstaltu