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York – 1915
Die Auseinandersetzung war harmlos verlaufen – sogar in höflichem Tonfall –, aber Alex Frobisher hatte nicht den geringsten Zweifel daran, dass andere die Entscheidung für sie treffen würden, wenn sie es nicht selbst in die Hand nahm. Sie schnalzte leise mit der Zunge und trieb ihre schwarze Stute an. Das vertraute Klappern der Hufe auf der Straße beruhigte sie, und sie versuchte, ihre Gedanken auf eine Zeit zurückzulenken, als die Sommer in Schottland noch endlos schienen, voller Lachen und Wärme. Die glücklichen Tage bis zu jenem Nachmittag im August 1905, als sich die Dunkelheit über ihre Familie senkte. Der Schmerz, der seitdem auf ihnen lag, war sicherlich die Ursache dafür, dass ihre Mutter so auf eine Ehe drängte … auch wenn Alex sie gar nicht wollte.
Blackberry kannte den Weg; sie wusste genau, wo sie links in die üppig blühende Landschaft der ausgedehnten Grünflächen von Knavesmire abbiegen musste, die an einer der berühmtesten Rennbahnen Englands lagen. Der Trab verwandelte sich in einen leichten Galopp, und als sie schneller wurden, verschmolz die Landschaft zu einem angenehmen Flirren der Blätter. Das goldene Sonnenlicht des Spätherbstes, jetzt kurz vor Einsetzen der Dämmerung besonders intensiv, schimmerte im blauschwarzen Fell der Stute. Der Wind zerrte an Alex’ Haaren, die jedoch unter ihrer Reitkappe sicher mit Haarnadeln festgesteckt waren; lediglich ein paar Strähnen lösten sich und genossen die Freiheit.
Mit den Jahren war ihre Haarfarbe zu einem tiefen Schokoladenbraun nachgedunkelt. Auch ihr Leben war dunkler geworden, und vor allem das letzte Jahr hatte sie in eine nicht enden wollende Dunkelheit gestürzt.
Im Geiste überdachte sie die Auseinandersetzung noch einmal, während sie am Eingangstor Blackberry zügelte, damit sie langsamer wurde. Die Stute fiel in Schritt, und ihr Atem dampfte weiß aus den Nüstern in den verblassenden Nachmittag. Ein eisiger Hauch legte sich über die weite Rasenfläche des Parks. Alex durchlebte im Geiste noch einmal das unangenehme Gespräch. Wie ein Film lief es vor ihrem inneren Auge ab.
Ihr Vater in seinem Tweedanzug, der seinen Nachmittagstee trank und sich unglücklich bemühte, die kleinen Pfannkuchen zu missachten, die er so gerne aß, um dem schrillen Wortwechsel zwischen seiner Frau und seiner Tochter zu entkommen. Er war an die hohen Fenster getreten, die von schweren pflaumenblauen Samtvorhängen eingerahmt waren und schaute auf das Land, das den weitläufigen champagnerfarbenen Backsteinbau namensTilsden Hall umgab. Die Frobishers lebten dort schon seit Jahrzehnten, und Alex wusste genau, dass sein Blick sich auf den Ententeich richtete. Instinktiv verstand sie, dass ihr Vater jetzt am liebsten zum Teich gegangen wäre, um die beiden Schwäne zu beobachten, die friedlich über die klare Wasserfläche glitten. Stattdessen musste er mal wieder eine Meinungsverschiedenheit zwischen den beiden Frauen in seinem Leben ertragen.
Alex beobachtete, wie ihre Mutter die Augen zu der grauslich bemalten Decke im Ar