: Tracy Buchanan
: Die Meerestochter Roman
: Blanvalet Taschenbuch Verlag
: 9783641246228
: 1
: CHF 4.50
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: German
: 528
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wo das wilde Meer auf die Küste trifft, liegt das Geheimnis ihrer Familie verborgen ...

Ein Ausflug an die englische Küste wurde für Becky zum traumatischen Erlebnis. An diesem Tag trifft ihre Mutter den Mann, in den sie sich verlieben und für den sie ihre Familie verlassen würde. Drei Jahrzehnte später hat Becky kaum Kontakt zu ihrer Mutter Selma, als sie einen Anruf bekommt. Selma hat nur noch wenige Wochen zu leben. Und sie muss Becky etwas mitteilen, das seit vielen Jahren schwer auf Selma lastet. Denn sie hatte noch eine Tochter, nur wenige Jahre jünger als Becky selbst. Bevor Becky mehr erfahren kann, stirbt ihre Mutter. Becky geht auf die Suche nach der verlorenen Schwester – eine Suche, die sie rund um die Welt und in Selmas rätselhaftes Leben führt. Doch es gibt Menschen, die das, was damals passierte, für immer in Vergessenheit geraten lassen wollen ...

Tracy Buchanan lebt als Schriftstellerin in England. Wenn sie nicht gerade schreibt, liebt sie es, durch Wälder zu streifen, einsame Strände zu erkunden und mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ihrem Hund Brontë auf Städtetrips zu gehen.

1
Selma


Kent, Großbritannien
18. Juli 1991


Alles begann, als der Junge fast ertrank.

Queensbay erlebte einen dieser Sommerabende, an denen sich Fremde im Vorübergehen anlächeln und jeder nur ehrfürchtig staunt, dass es im grauen alten England so warm sein kann. Alles trug Flipflops und Sandalen, das Schlappen der Sohlen auf der Strandpromenade aus Holz und das Bellen kleiner Hunde war eine vertraute Geräuschkulisse. Das Café an der Strandpromenade war brechend voll, vor allem im Außenbereich. Die Kinder waren begeistert, dass sie an einem Schultag so lange aufbleiben durften, und die Eltern versuchten, ihre aufgedrehten und sonnenverbrannten Kinder zu ermahnen, während sie Wein tranken und mit Freunden lachten. Ältere Paare schlenderten am Sandstrand durchs flache Wasser, die Schuhe in der Hand, während ihre Hunde in die nah gelegenen Höhlen und wieder hinaus rannten. Die Sonne, die in glühendem Orange unterging, tauchte die Köpfe der Menschen in feuerrotes Licht.

Ich beobachtete alles durch meine Sonnenbrille. Der Gin, den ich getrunken hatte, benebelte meinen Verstand schon leicht, wie ich es mochte. Die geschwungene Bucht sah an diesem Abend ganz besonders schön aus, umrahmt vom Café auf der einen und gewaltigen Kreidefelsen auf der anderen Seite. Wenn man um die Felsen herumging, kam man zu einer abgelegenen Bucht mit ein paar Höhlen, über denen ein verlassenes Hotel thronte. Es war mein Traum gewesen, dieses Hotel einmal zu kaufen. Ich seufzte. Im Moment schien das alles andere als wahrscheinlich.

Meine Tochter Becky jagte ihre Freundin um die vollen Tische des Cafés, und ich behielt sie im Auge, bereit, im Fall von zerbrechendem Glas, einem Weinen oder einem Krachen aufzuspringen. Mein Mann Mike, der neben mir saß, hatte eine Hand auf mein nacktes Knie gelegt und lächelte, als sein Freund Greg von einem schwierigen Klienten erzählte. Warum hatten die Leute nur immer das Bedürfnis, an Abenden wie diesem über etwas so Banales wie die Arbeit zu sprechen?

Ich gähnte und streckte mich und bemerkte, wie Gregs Blicke über meine Brüste glitten, die den Stoff meines geblümten Wickelkleids dehnten.

So vorhersehbar. Und auch so falsch, wenn man bedachte, dass seine Frau Julie direkt neben mir saß und verzweifelt versuchte, ihr Neugeborenes zu stillen, dessen schrumpeliges, kleines rotes Gesicht sich an ihre nackte Brustwarze drückte. Sie fächelte ihre heißen, sommersprossigen Wangen mit der Speisekarte.

Ich sah Greg mit zusammengekniffenen Augen an, und er schaute weg. Meine Mum hätte ihn als »Ärger« bezeichnet. Ich erinnerte mich noch genau, wie sie das einmal gesagt hatte, auf das Sofa gelümmelt, einen Drink in der Hand und mit einer Freundin lästernd. »Er bedeutete Ärger, Schatz.« Das R hatte sie mit ihrer tiefen, rauen Stimme in die Länge gezogen. Als ich sie eines Abends beim Essen fragte, was sie damit gemeint habe, hatte sie mir einen ihrer vernichtenden Blicke zugeworfen. »Was interessiert dich das sc