Vor vier Monaten: Catherine
Unser erster Sommer auf dem Land war heiß und trocken. Der Himmel war gnadenlos blau und die Erde so durstig, dass man ihr Leiden förmlich spürte. Sam sagt, wir hätten die perfekte Zeit gewählt. So könnten wir in den langen Sommerferien die Berge, Strände und Wälder unserer neuen Wohngegend erkunden.
»Wir haben uns und die Kinder und jetzt auch noch dieses wundervolle halb verfallene Haus. Das ist doch toll«, sagt er, als ich mir Sorgen mache, wir könnten das alles nicht stemmen. »Im September trete ich meine neue Stelle an, und bis dahin können wir auf dein Geld zurückgreifen.«
Mein Geld – eine Entschädigung, weil ich vor vierzehn Jahren meine Mutter durch Brustkrebs verloren habe und meinen Vater an eine neue Frau in New York. Wie wir lebt er dasDolce Vita, in seinem Fall allerdings mit Sushi, Kunstgalerien und einer Gattin, die Seidendessous trägt.
Nur sechs Wochen nachdem Sam seine sichere Stelle als Grundschullehrer gekündigt hatte, verließen wir London, und die Umzugslaster hielten vor dem alten Hexenhaus in Somerset.
»Ich finde es zauberhaft«, hatte ich gesagt, als ich das kleine Haus zum ersten Mal sah. Violette Glyzinien rankten sich um das rostige Gartentor, und vor dem Haus blühte eine Fülle roter, rosafarbener und weißer Rosen.
Mit seinen ungleichen Dächern – eines strohgedeckt, zwei mit Ziegeln –, den verschieden großen Fenstern, der Tür mit der abblätternden Farbe und dem wild rankenden Efeu erinnerte mich das Haus an eine Kinderzeichnung. Wir machten sofort ein Angebot, und als der Gutachter schrieb, die Wände seien feucht, und das Haus sei schlecht isoliert, kauften wir es trotzdem.
»Wir fahren nach Frome, Farbe kaufen«, sagt Sam jetzt, küsst mich und scheucht die Kinder Richtung Auto. »Ich bring aus der Bäckerei den Kuchen mit, den du so magst.«
Ich weiß natürlich, was er bezweckt. Er will mir Zeit und Raum geben, damit ich herumtrödeln und in Ruhe darum trauern kann, dass wir jetzt nicht mehr in London leben, meiner Heimatstadt seit vierunddreißig Jahren, dem Ort, an dem meine Mutter lebte und starb, was mir noch immer zu schaffen macht.
Sobald die Tür hinter meiner Familie zufällt, eile ich nach oben ins Schlafzimmer, öffne den Kleiderschrank und hole einen Schuhkarton heraus, der ganz hinten unter einem Kleiderstapel versteckt ist. Der Karton enthält Briefe, Fotos und Zeitungsausschnitte und ist mein Geheimarchiv über dich. Heute nehme ich ein liniertesDIN-A4-Blatt heraus, beschrieben mit blauem Kuli in deiner unverkennbaren Handschrift. Diesen Brief kenne ich auswendig. Ich weiß, wo Kommas und Gedankenstriche sitzen, an welcher Stelle ein Punkt fehlt und wo deine T zwei Striche haben. Das alles habe ich mir genau eingeprägt.
Du kommst nicht mehr zu mir zurück, oder? Eine Weile habe ich mir noch eingeredet, du würdest wiederkommen. Aber nun sind schon mehr Wochen vergangen, als wir überhaupt zusammen waren, und alles erscheint mir fast wie ein Traum. Gibt es dich wirklich? Ich suche dich auf der Straße, in Pubs, in der Bibliothek, in dem kleinen portugiesischen Café, in dem wir Vanilletörtchen aßen und die alte Dame dich Audrey Hepburn nannte (sie hatte recht, wegen deiner Augen). Nirgendwo sehe ich dich, spüre dich aber noch immer. Wie dein Haar über mein Gesicht weht, wie deine Hand sich in meine fügt.