Kapitel 1
Glorreiche Angelegenheiten
»Ein Drache, hm?« Tartan Mull strich sich zweifelnd über den Bart. »In dieser gottverdammten Höhle da?«
Steuern einzutreiben war schon unter den besten Umständen ein Scheißjob, aber dafür eine Klippe erklimmen und sich einem Drachen stellen zu müssen, strapazierte Tartans Diensteid fast bis zum Zerreißen. Der stahläugige Kommandant der Glorreichen Sechs starrte in die dunkle Höhle und lauschte der tiefen Stille, die nur gelegentlich von einem einsamen Tropfen Wasser durchbrochen wurde, der mit einem vernehmbarenPlitsch landete. Schließlich stieß er einen unverständlichen Laut aus und wandte sich an seinen bulligen Untereintreiber, DaleUsher.Usher konnte nur mit den Schultern zucken, da er die Hände voll hatte – in der einen Hand hielt er den Griff seines schweren Anderthalbhänders, und mit der anderen hatte er den zerknitterten Kragen des Stadtratsvorsitzenden von Rumforte gepackt.
Der Barde und Ausrufer der Glorreichen, Belorian Knochenstahl, reckte den Kopf mit seiner hübsch gefiederten Kappe überUshers Schulter, um besser sehen zu können. »Für mich sieht das nicht nach einer Drachenhöhle aus. Die sollte so düster sein wie ein mondloses Moor. Sie sollte staubig sein vom Ruß uralter Feuer, finster wie der Arsch eines Dämons, und die Ausdünstung sollte an den Gestank von verkohltem Fleisch erinnern.«
»Und woher will ein honigzüngiger Dichter wissen, wie eine Drachenhöhle aussieht, hm?«, fragte Tartan.
Belorian in seinem fein bestickten Wams zuckte die Achseln, und seine dekorativen Schulterpolster hoben sich bis über seine Ohren. »Ich habe es in einem Lied gehört.«
»Natürlich hast du das.«
Der Stadtratsvorsitzende von Rumforte wand sich. »Ich versichere Euch, die Bestie ist dort drin, zusammen mit jedem funkelnden Silberstück und jeder glitzernden Goldmünze, die sich in unseren Truhen befunden hat. Wir haben kein Geld, um die Steuern Eurer Königin zu bezahlen. Und obendrein hat das Ungeheuer den alten Saul, den Wächter unserer Schatzkammer, zu einem krossen Stück Schlacke verbrannt! Jetzt, da ich Euch das grauenvolle Versteck des Tieres gezeigt habe, lasst uns gehen, bevor wir alle verschlungen oder bis zur Unkenntlichkeit geröstet werden.«
Tartan schwang seine langen dunklen Locken hin und her. Der Name des Stadtrats war Jonas Dumpich oder Dumschat oder Du-kannst-mich-mal-kreuzweise, wenn es nach Tartan ging. Der Name spielte keine Rolle. Tartan und seine kleine glorreiche Schar wollte lediglich die zehn Prozent der Königin einsammeln und die merkwürdigen Eisenholzberge verlassen, um sich in das vertrautere Gebiet unten an die Wilde Westküste zu begeben und von dort aus zurück nach Hause zu kommen, nach Seeblick. Sie hatten während ihrer Reise nach Norden in die Berge Dutzende von Ausreden gehört, warum jemand die Steuern ihrer Majestät nicht zahlen konnte – ausgefeilte Leidens- und Armutsgeschichten von Bürgermeister