1. Kapitel
Erwachen
Als Elke in den Stall kam, war das Lämmchen schon geboren.
Wie so oft war sie mitten in der Nacht mit dem Gefühl wach geworden, dass ihre Tiere sie brauchten. Doch Moira, das dunkelbraune Mutterschaf mit den sanften Augen, hatte es wieder einmal ganz allein geschafft. Hingebungsvoll leckte sie ihrem Kleinen das Bäuchlein sauber, während sich Elke davon überzeugte, dass keine Schleimpfropfen seine Atemwege verstopften und auch mit Moira alles in Ordnung war. Mit geübten Griffen nabelte sie das Lämmchen ab und desinfizierte die Wunde.
Es war still in der Mutter-Kind-Station, wie Elke diesen Teil des Stalls nannte, in dem sie jedes Frühjahr die trächtigen Tiere unterbrachte, damit sie ungestört ihre Kleinen zur Welt bringen konnten. Nur Moiras Atmen war zu hören und hin und wieder das Rascheln der anderen Schafe im Stroh. Das Lämmchen hatte die Farbe von dunkler Schokolade, genau wie seine Mutter, und der feuchte Flaum, der dessen Körper bedeckte, begann, sich unter Moiras eifriger Zunge leicht zu ringeln. Jetzt öffnete es die Augen, blickte sich erstaunt um und ließ einen feinen, hohen Laut hören. Dann raffte es all seine Kraft zusammen und versuchte, sich auf den wackligen Beinchen aufzurichten.
Schon so viele Male hatte Elke das miterlebt, und doch schien es ihr immer wieder aufs Neue wie ein Wunder. Es war das dreizehnte Lamm in dieser Woche, und Elke überlegte sich gerade einen passenden Namen, als sich die Stalltür leise öffnete und wieder schloss.
»Ist die Nachgeburt schon raus?«
»Alles bestens«, antwortete Elke und bedachte Bärbel mit einem liebevollen und doch auch vorwurfsvollen Blick. »Warum bleibst du nicht im Bett, Mama? Die Kälte tut deiner Hüfte überhaupt nicht gut.«
»Ach was«, gab Bärbel zurück und ging leise ächzend in die Hocke, um das Lamm zu begutachten. »Im Bett sterben die Leute, hat dein Vater immer gesagt.«
Er ist aber nicht im Bett gestorben, wollte Elke antworten, doch sie biss sich auf die Zunge. Ihr Vater war im Wald beim Fällen einer Fichte ums Leben gekommen, und das im besten Alter. Acht Jahre war dieser Unfall nun her. Er hatte eine Lücke hinterlassen, die nicht zu schließen war.
Elke erhob sich und überließ ihrer Mutter den Platz an der Seite des Mutterschafs. Sie wusste, wie sehr Bärbel an der Herde hing und dass sie sich nur schwer damit abfinden konnte, aufgrund ihres Hüftleidens zu Hause bleiben zu müssen, wenn Elke die Herde gemeinsam mit ihrem Lehrling Pascal und ihren Hunden über die Hochweiden des Schwarzwalds führte. Lange würde es nicht mehr dauern, der Frühling war schon zu erahnen. Sobald die Lämmer kräftig genug waren, würden sie aufbrechen. Elkes Herz schlug höher bei dem Gedanken.
»Ein Maidle, schau an. Hast du schon einen Namen für die Kleine?«, fragte Bärbel, während sie das Lamm vorsichtig an Moiras Zitzen heranführte, damit es die wertvolle erste Milch zu trinken bekam, die sogenannte Biestmilch, die so wichtig für das Immunsystem des Neugeborenen war.
»Was hältst du von Miri?«, schlug Elke vor.
»Das klingt schön.« Bärbel strahlte sie glücklich an. »Nun trink mal ordentlich, Miri. Damit du groß und stark wirst, genau wie deine Mama.«
Elke ging hinüber zu den anderen trächtigen Schafen. Tula ruhte auf ihrem Lager aus frischem Stroh, ihr aufgeblähter Leib hob und senkte sich in gleichmäßigen Zügen. Nette und Briggi jedoch wirkten unruhig, ein deutliches Zeichen dafür, dass ihre Niederkunft nicht mehr lange auf sich warten ließ.
»Lass uns wieder schlafen gehen«, schlug Elke ihrer Mutter vor und half ihr, sich aufzurichten. »Moira kommt allein zurecht.«
Die kleine Miri hatte die Zitze