: Stephan Abarbanell
: Das Licht jener Tage
: Karl Blessing Verlag
: 9783641218010
: 1
: CHF 6.20
:
: Erzählende Literatur
: German
: 352
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eine Reise in den Nahen Osten wird zur Reise in die eigene Vergangenheit

Robert Landauer, einst international geachteter Mediziner, wagt nach einem Pharmaskandal einen Neuanfang in Berlin. Als er einer ohnmächtigen jungen Frau hilft und sie nach Hause fährt, trifft er auf deren Vater, Fouad Tamimi. Es ist nicht die erste Begegnung zwischen den beiden Männern: Ihre gemeinsame Geschichte führt zurück ins Jahr 1982, in den kriegsgebeutelten Libanon; Tamimi hat Landauer damals das Leben gerettet, doch seine große Liebe Sahira verloren. Nach dem Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern von Beirut fehlte von ihr jede Spur. Landauer lässt sich darauf ein, Tamimi bei der Suche nach Sahira zu helfen. Er macht sich auf den Weg in den Nahen Osten und stößt dabei nicht nur auf seine eigene Vergangenheit, sondern auch auf eine Geschichte von ungeahnten politischen Ausmaßen.

Stephan Abarbanell, 1957 geboren, wuchs in Hamburg auf. Er studierte Evangelische Theologie sowie Allgemeine Rhetorik in Hamburg, Tübingen und Berkeley und war viele Jahre lang Kulturchef des rbb. Sein Romandebüt, »Morgenland«, erschien 2015 bei Blessing, 2019 folgte »Das Licht jener Tage« und 2022 »10 Uhr 50, Grunewald«. Stephan Abarbanell lebt mit seiner Frau, der Übersetzerin Bettina Abarbanell, in Potsdam-Babelsberg.

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Beirut, August 2015

Da lag sie, die Stadt, ockerfarben, undurchdringlich, Häuser unter milchigem Dunst. Eine Promenade am Meer, gesäumt von Palmen. Auf einer Anhöhe über dem Wasser ein Riesenrad. An den fernen Hängen das Blinkern blauer Pools, Morsezeichen des erwachenden Tages. Über dem Süden der Stadt setzte das Flugzeug zur Landung an.Welcome to Rafic Hariri International Airport.

Robert Landauer löste den Gurt, hob seine Reisetasche aus dem Gepäckfach, legte das Sakko über den Arm und strich es glatt. Seine Lesebrille hatte er vor der Landung immer wieder geputzt und in den Kegel der kleinen Lampe an der Kabinendecke gehalten, bis er die prüfenden Blicke seines Sitznachbarn spürte.

Footprint Travel Guides – Lebanon& Syria, den Reiseführer, den er nach vergeblicher Suche in Berlin bei einem Onlinehändler in Sussex »gebraucht wie neu« erstanden hatte, verstaute er zusammen mit der Brille in der Reisetasche. Trotz mehrfacher Anläufe war er über das Kapitel »Before you travel« nicht hinausgekommen. Nach wenigen Absätzen waren ihm, ein Finger als Lesezeichen zwischen den Seiten, die Augen zugefallen.

Ein Flughafenbus brachte ihn zum Terminal. An andere Passagiere, meist Einheimische, gedrängt, mit einer Hand die fleckige Haltestange aus Metall umklammernd, an der anderen den Geruch abgegriffener Münzen, über ihm das Gebläse der Klimaanlage, fühlte er sich auf demütigende Weise verfrachtet. Er hatte es nicht anders gewollt.

Auf dem Gang zur Gepäckausgabe begleitete die Ankommenden eine Fotoausstellung; brennende Häuser, zerstörte Straßen, Checkpoints, ausgebrannte Panzer,MG-Nester, Frauen, die vor Schmerz und Trauer ihre Arme in die Höhe streckten: Bilder des libanesischen Bürgerkriegs. Die Fotos erst schwarz-weiß, dann in Farbe aus der Zeit nach dem Morden, als die Stadt wieder zu wachsen beginnt, ungestüm, ehrgeizig wie Rio oder Abu Dhabi, Global Money für die Zukunft, neue Straßen wie mit dem Besen gekehrt. Die diese Stadt einst zertrennende »grüne Grenze« nur noch ein Riss in der Seele derer, die nicht vergessen können.

Vor dem Flughafengebäude hielt er nach einem Taxi Ausschau, roch den Atem der fremden Stadt, schmeckte Salz auf der Zunge und spürte den Wind, der vom Meer herüberkam, sanft, schwer und heiß. Das Sakko hatte er sich über die Schultern gelegt.

Er winkte ein Taxi heran. Der Wagen hielt, der Fahrer rief ihm durch das geöffnete Fenster etwas zu. Landauer hörte, wie jemand hinter ihm lachte.

Er wandte sich um. »Gehört Ihnen«, sagte die junge Frau. Sie sprach Deutsch mit einem leichten Akzent. Landauer tippte auf den Norden Europas und fragte sich, woran sie seine Nationalität so mühelos hatte festmachen können. Natürlich – in seiner Sakkotasche steckte zusammengerollt der ungelesene BerlinerTagesspiegel.

»Ich bitte um Entschuldigung, ich habe Sie nicht gesehen, nehmen Sie es, bitte.« Für einen Moment standen beide unschlüssig nebeneinander.

Der Fahrer stieg aus und öffnete den Ko