: Heribert Schwan
: Spione im Zentrum der Macht Wie die Stasi alle Regierungen seit Adenauer bespitzelt hat
: Heyne Verlag
: 9783641229283
: 1
: CHF 2.70
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: Politik
: German
: 384
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Deutsch-deutsche Geschichte – spannend wie ein Krimi

Günter Guillaume kam Willy Brandt ganz nah. Als der DDR-Agent enttarnt wurde, trat der Kanzler zurück – es war die größte Spionageaffäre der deutschen Geschichte. Doch Guillaume war nur die Spitze des Eisbergs. Es gab Tausende Stasi-Spitzel, die aus dem »Operationsgebiet« BRD berichteten.
Heribert Schwan hat über 80.000 Blatt Stasi-Akten gesichtet, um die Ausmaße der DDR-Spionage im Westen nachzuvollziehen. Er zeigt, wie die Stasi das gesamte Bonner Spitzenpersonal ins Visier nahm, darunter auch die Kanzler, von Adenauer bis Kohl. Doch mehr noch, das MfS streute auch aktiv Fehlinformationen, um die BRD-Regierungen und führende Persönlichkeiten zu diffamieren. Schwan gibt Einblick in die Strategien, Pläne und Tricks der selbst ernannten »Kundschafter des Friedens« und erklärt, wie das Agentennetz funktionierte. »Spione im Zentrum der Macht« ist ein Aufklärungswerk, das die 40 Jahre, in den es zwei deutsche Staaten gab, beklemmend genau beleuchtet. Es führt dem Leser vor Augen, wie weit die Macht der Stasi im Westen reichte und wie durchtrieben die Methoden der DDR-Auslandsspionage waren.

Heribert Schwan, Dr. phil., geboren 1944, war Redakteur beim Deutschlandfunk und beim WDR-Fernsehen, u.a. verantwortlich für die Kulturfeatures im ARD-Programm. Für seine Dokumentationen erhielt er zahlreiche nationale und internationale Preise; für seinen Film »Die verdrängte Gefahr – Neonazismus« wurde er mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. Heribert Schwan verfasste für Helmut Kohl drei Bände von dessen Memoiren und ist Autor zahlreicher anderer Bücher; darunter einige Bestseller. Zuletzt erschien von ihm »Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle« (zusammen mit Tilman Jens).

2. Feindbild Adenauer

Die Hartnäckigkeit, die immensen personellen wie finanziellen Anstrengungen, mit denen die HVA des Markus Wolf versuchte, in den Machtapparat des ersten deutschen Bundeskanzlers einzudringen, waren tief in der Ideologie des DDR-Staats verankert. Konrad Adenauer, von 1949 bis 1963 im Amt, galt als Inkarnation der hässlichen Bundesrepublik, des Klassenfeindes schlechthin. Noch im Lexikon »Biographien zur Weltgeschichte«, kurz vor der Wende von führenden DDR-Historikern herausgegeben, wird er mit Worten des Abscheus bedacht: »Seit 1945 und besonders 1948/49 als Präsident des Parlamentarischen Rates betrieb Adenauer die Restauration des deutschen Imperialismus, die Spaltung Deutschlands, und die Einbeziehung der Westzonen in das westliche Bündnissystem. Er betrieb die Remilitarisierung der BRD und deren Eintritt in die NATO sowie eine autoritäre antikommunistische Innenpolitik.«

Mit welch dumpf-agitatorischen Schlagworten haben ihn die führenden Köpfe des SED-Politbüros nicht alles bedacht: »Separatist«, »Spalter«, »Handlanger des Monopolkapitals« oder auch »Schutzherr der alten Nazis«! Albert Norden, KPD-Mitglied seit 1920, in den DDR-Gründerjahren Leiter der Hauptabteilung Presse im Amt für Information, hat Adenauer bereits 1949, im Vorfeld der Wahlen zum ersten Deutschen Bundestag, im SED-Zentralorgan »Neues Deutschland« mit Agit-Prop-Getöse charakterisiert – als »Veteran des Landesverrats«, der als Befehlsempfänger der USA allein den imperialistischen Interessen des Westens folge.

Ein Jahr später legte Norden in der »Täglichen Rundschau«, dem Organ der sowjetischen Besatzungsmacht, nach und kommentierte den jüngsten Berlin-Besuch Adenauers, der in der Frontstadt lautstark die Wiedervereinigung gefordert hatte, auf drastische Weise: »Dieser Prototyp des nationalen Verrats, der Nachfolger Wilhelms II. und Hitlers, der Deutschland in den dritten Weltkrieg hetzen will, hat die Stirn, in Berlin als Advokat der Einheit aufzutreten.«

Für das 1950 gegründete Ministerium für Staatssicherheit war dieses Adenauer-Feindbild wegweisend und über Jahre prägend. Mein ehemaliger Deutschlandfunk-Kollege Karl Wilhelm Fricke, der Kölner Stasi-Experte, ist freilich der Überzeugung, »dass die Staatssicherheit auch ihrerseits auf das Adenauer-Bild der SED Einfluss genommen hat, indem sie Informationen und Erkenntnisse aus der Spionage zur politischen Meinungsbildung der Parteiführung zur Verfügung stellte. Das geschah etwa in den von ihr erarbeiteten Analysen und Lageberichten, und indem sie auch persönliche Daten und geheime Dokumente für Zwecke der Desinformation und Agitation in beiden deutschen Staaten zur Veröffentlichung freigab.«

Ende 1952 zählte die Geheimpolizei der DDR bereits 8.800 Mitarbeiter. Die meisten von ihnen glaubten der Staats-Propaganda, dass die Regierung Adenauer aktuelle Kriegsvorbereitungen unternähme und »begriffen daher ihren Dienst in der Staatssicherheit als Beitrag zur Friedenssicherung«, schreibt Fricke.

Anfang der Fünfzigerjahre hatte die DDR-Auslandsspionage mit dem Aufbau des »Außenpolitischen Nachrichtendienstes« (APN) begonnen. Er war als »Institut für wirtschaftswissenschaftliche Forschung« getarnt. Markus Wolf wurde 1952 mit 29 Jahren zum Leiter des APN berufen. Er fand schon damals ein weltweites Agentennetz mit 4.600 Hauptamtlichen und über 10.000 Inoffiziellen Mitarbeitern vor. 1.500 dieser Kundschafter agierten in der Bundesrepublik. 1953 dann wurde der »Außenpolitische Nachrichtendienst« in das Ministerium für Staatssicherheit eingegliedert, mit ihm nach dem Volksaufstand in der DDR heruntergestuft und dem Innenministerium unterstellt und 1956 in die »Hauptverwaltung Aufklärung« umgewandelt.

An der Kanzlerschaft Adenauers haben sich die Dunkelmänner aus dem Ostteil Berlins 14 Jahre lang abgearbeitet. Das Aktenkonvolut zu seiner Person und seinen Amtsgeschäften, das mir die Stasiunterlagenbehörde in Kopie übergab, umfasst vier Aktenordner mit insgesamt rund 2.500 Blatt. Ob die auf den alten Herrn aus Rhöndorf angesetzten Agenten noch weitere Papiere lieferten, d