Sommermittag
„Das Schleifgerät vibrierte in Jodys Hand. Sie konnte die Schwingungen bis hinauf in die Schulter spüren und hatte manchmal das Gefühl, der kleine Schleifer wollte sich losreißen. Beinahe, als hätte sie etwas Lebendiges in der Hand.
Manche Leute mochten das Geräusch eines Schwingschleifers auf Holz nicht. Jody hatte schon alle Vergleiche gehört, von „kreischende Katze“ bis zu „verärgerter Hornissenschwarm“. Sie selbst allerdings nahm es mehr als einen Rhythmus wahr. Eine perfekte Begleitung zu ihrer Arbeit. Mit weichen, gleitenden Bewegungen ließ sie den Schleifer über das Birkenholz flitzen. Feiner Staub sammelte sich in kleinen Wellen wie Rippel im Sand am Meer. Jody summte leise, eine beinahe tonlose Melodie. Für einen kurzen Augenblick wurde die Harmonie unterbrochen. Draußen rief jemand. Jody horchte kurz auf, doch im nächsten Moment war sie wieder ganz von ihrer Arbeit gefangen.
Sie beschrieb mit dem Schleifgerät kleine Kreise über die Tischplatte und ließ dabei ihre Gedanken schweifen. Das abgeschliffene Holz fühlte sich weich unter ihren Fingern an, glatt und geschmeidig. Sie müsste eine passende Farbe für das Holz finden, etwas Sanftes, Helles, das dennoch zu der Wuchtigkeit des Tisches passte. Nichts zu Blasses wie Fichte, nicht zu dunkel wie Nussbaum … vielleicht ein Goldbraun. Eibe oder Lärche …
„Hey, du.“ Eine Hand legte sich auf ihre Schulter, und Jody zuckte kurz zusammen. Sie schaltete den Schleifer aus und wandte sich zu Mats um. Er lächelte auf sie herunter. „Hast du mich gar nicht rufen gehört?“
Jody merkte, wie ihr das Blut ein wenig ins Gesicht stieg. „Ich war so in Gedanken. Da muss ich das irgendwie ausgeblendet haben.“ Sie zupfte etwas verlegen an ihrem alten Arbeitshemd herum und gestattete sich einen kurzen Blick auf ihre Werkstattuhr. Die Zeiger der uralten Minnie-Maus-Kinderzimmeruhr standen auf halb zwölf. Wohin war nur die Zeit verschwunden? War sie nicht eben erst vom Frühstück aufgestanden?
Mats berührte beinahe ehrfurchtsvoll die Tischplatte. „Es war nichts Wichtiges“, versicherte er. „Die Reisers sind zu einer Wandertour aufgebrochen und wissen nicht genau, ob sie es bis zum T-Shirt-Kurs heute Abend zurückschaffen. Pia war ein bisschen traurig, aber ich habe ihr gesagt, dass du ihr das mit den Shirts sicher auch mal zwischendrin zeigen kannst. Und die Thalmanns haben angerufen. Sie stecken im Stau und kommen ein bisschen später.“ Seine Finger fuhren die Maserung im Holz nach. „Du hast also noch ein bisschen Zeit für den Tisch.“
Auch Jody legte nun einmal mehr ihre Hand auf die Platte. Es kam ihr so vor, als ströme Wärme aus dem Holz in ihren Körper. Ihre Fingerspitzen pochten leicht wie vor Erwartung. Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe schon viel zu lange hier in der Werkstatt gestanden. Ich habe die Zeit vergessen.“ Sie betrachtete den glatten, schönen Tisch neben sich und seufzte. Am Liebsten hätte sie gleich daran weitergearbeitet, aber für heute musste sie ihn wohl so stehen lassen.
Mats schlang seine Arme um sie und zog sie zu sich heran. Jody rieb ihre Nase an seinem Shirt, sog den warmen Geruch nach Heuboden und Sonne ein und schloss die Augen. Wärme umgab sie, durchflutete sie. Mats’ Ruhe und Kraft schienen direkt auf sie überzugehen, sie zu füllen.
„Ich finde es toll, wenn du auch mal etwas für dich tust“, murmelte Mats in ihre Haare. „Du halst dir schon vie