Kapitel 2
Burg Hadenstein im Harz, November 1076
„Nein, so ist das falsch! Du darfst die Waffe nicht verkrampft halten. Wie oft habe ich dir das schon gesagt?“ Strafend blickte Arend von Hadenstein auf seinen ältesten Sohn hinab, der mit einem Holzschwert auf einen von einem Balken hängenden Strohsack schlug.
Der Sachse befand sich mit seinen Kindern auf einem Übungsplatz zu Füßen der väterlichen Burg, wo Arend zahlreiche Hindernisse, Pfähle und Klötze hatte aufbauen lassen, mit deren Hilfe die Jungen ihre Kraft, Geschicklichkeit und Ausdauer trainieren sollten.
„Aber ich versuche es doch!“, protestierte der sechsjährige Giselher und schaute trotzig zum hünenhaften Vater herauf.
„Versuchen reicht nicht! Mach es endlich richtig!“, blaffte Arend, wischte sich eine Strähne seines braunen Haares aus der Stirn und rieb sich dann verärgert über seinen kurzen Bart. Stets aufs Neue versuchte er, dieses Gefühl zu unterdrücken, aber es brach dem Jungen gegenüber immer wieder aus ihm heraus. Mit den Jahren wurde immer deutlicher, dass dieser Knabe dort mit den dunkelblonden Haaren und den saphirblauen Augen der Bastard des Königs war. Als Arend Leibwächter der Königin gewesen war, hatte er in jener Nacht vor ihrer Tür gestanden, als Heinrich drei Jahre nach der Vermählung die Ehe vollziehen wollte und in Berthas Gemach eingedrungen war. Doch die Königin hatte sich seiner Gewalttätigkeiten tapfer erwehrt, und bald darauf hatte der junge Herrscher wutentbrannt die Pfalz verlassen. Später war er mit einem Bauernmädchen zurückgekehrt, das er entführt und geschändet und anschließend einem seiner Kriegsknechte zum Weib hatte geben wollen. Dies hatte Arend nicht ertragen und – seinen Adel und die Ehre seiner Familie vergessend –, dieses arme Geschöpf geheiratet. In Liebe zu ihr entflammt war er bis heute nicht, aber er achtete sie, denn sie war ein gutes, fleißiges Weib. Allerdings waren all seine Nachkommen – vier Söhne und eine Tochter – keine Adligen, denn der niedere Stand zählte. Und dies ließen ihn die Kinder seiner Brüder Giselher und Suidger, die er ebenfalls im Kampf unterrichtete, deutlich spüren.
Giselher und ihr gemeinsamer Vater Eilbrecht befanden sich nach der Unterwerfung der Sachsen nach wie vor in Gefangenschaft. Zwar war Arend ein ausgezeichneter Ritter, aber seiner Mutter keine große Hilfe beim Verwalten der Burg und der Güter. Dazu fehlte ihm jegliches Talent. So übte er sich lieber täglich in den Waffen und bildete die Kinder aus.
„Was steht ihr da und schaut durch die Gegend? Kämpft!“, schalt Arend die Kinder seines Bruders, doch dann schickte er ein gütiges Lächeln hinterher, wollte sie von seinem Tadel ein wenig ablenken. „Ihr stammt von der Burg Hadenstein, unsere Vorfahren haben bis zum bitteren Ende zusammen mit Widukind gegen den Franken Karl den Großen gekämpft. Wisst ihr, warum wir in unserer Familie die Schilde mit einem weißen Pferd auf blauem Grund bemalen?“
Hartwin, der zwölfjährige Sohn seines Bruders Giselher, warf seinen Kopf in den Nacken. „Natürlich weiß ich das, Oheim: weil Widukind seinen Schild mit einem Pferd bemalt hatte. Anfangs ist es ein schwarzer Hengst gewesen, doch als er sich zum Christentum bekehrte, war es ein weißer. Da wir uns mit Widukind verbunden fühlen, tragen wir ebenfalls ein weißes Pferd auf dem Schild. Ach ja, und ich weiß auch, dass die Farbe Blau für die Treue steht.“
Arend musste hart schlucken. Er hatte seinen Treueeid gegenüber Heinrich nach Jahren der Pein und Demütigung gebrochen, gegen ihn gekämpft und viele von dessen adligen Streitern und Kriegsknechten auf dem Schlachtfeld getötet.
Er räusperte sich. „Mein Vater hat mich zu unverbrüchlicher Treue erzogen. Doch bedenkt: Euer Gewissen sollte euer vordringlichster Ratgeber sein. Nun macht weiter. Haltet den Schild zur Abwehr erhoben, sollte die Schulter auch noch so schmerz