Kapitel 1
Sachsen, Kaiserpfalz in Goslar, Ende August 1073
Die Sonne drang golden durch die hohen schmalen Fenster, spielte mit dem Staub, der sachte durch die Luft wirbelte, und berührte an einigen Stellen mit sanften Lichtfingern den hölzernen Fußboden.
Eine schmale Hand zwang einen glitzernden Faden durch ein Nadelöhr und durchstach anschließend feinstes Leinen, um den Balken eines gestickten Kreuzes zu verschönern. Doch die Finger zitterten, und der nächste Stich geriet schief. Die zweiundzwanzigjährige Königin Bertha, Gemahlin des Königs Heinrich IV., ließ den Stoff entmutigt sinken. „Es ist sinnlos, was ich hier tue! Dieses Tuch wird niemals auf dem Grab meines Jungen in der Stiftskirche oben auf der Harzburg liegen können.“ Sie seufzte schwer und unterdrückte die Tränen, die ihr in die Augen stiegen. Ihr süßer Sohn, der Erbe der Krone, war vor zwei Jahren kurz nach der Geburt gestorben – von einem Augenblick zum nächsten war er dem Leben entrissen worden. Noch immer brannte der Schmerz dieses Verlustes so heftig in ihr, als wäre es erst gestern geschehen. Sie schob sich ihre langen weizenblonden Flechten über die Schultern zurück und schaute mit ihren großen blauen Augen betrübt ihre ehemalige Amme an.
Tilda saß ihr gegenüber am schweren Eichentisch und zog aus einem Wollflies geschickt feine Fasern, um diese mithilfe einer Spinnwirtel zu einem dünnen Faden zu drillen. Sie blickte kurz auf und schenkte ihrer Herrin ein aufmunterndes Lächeln.
„Mama, schau mal!“ Berthas älteste Tochter, die dreijährige Adelheid, packte eifrig Wolle aus einem Weidenkorb, der neben einem Webstuhl stand. Schelmisch lächelte sie ihre Mutter an, dann schnappte sie sich ein Knäuel und kletterte auf eine der reich verzierten Truhen, die in den Ecken des Raumes standen. Als ihr diese jedoch zu unbequem wurde, tapste sie hinüber zu dem breiten Bett, machte es sich bequem und begann damit, voller Begeisterung den Faden abzuwickeln. Bertha ließ sie gewähren, so war das Kind wenigstens beschäftigt. Ihre andere Tochter, die acht Monate alte Agnes, war gerade bei der Amme.
Der Königin entwich ein Seufzen. Ihre Sorgen reihten sich aneinander wie Nissen im Haar eines asketischen Pilgers. Wann würde es jemals enden? Wann würde Frieden herrschen?
Ihre Vertraute legte ihr moosgrünes Kopftuch ab, und so kam braunes Haar zum Vorschein, in das sich zusehends mehr silberne Fäden schlichen. Die kleine rundliche Frau legte ihrer Herrin mit einem tröstenden Lächeln die Hand auf den Arm. „Ihr solltet nicht vom Schlimmsten ausgehen! Ganz bestimmt werdet Ihr dieses Tuch auf das Grab legen können. Allerdings erst, wenn die hässliche Sache vorüber ist.“
„Du nennst die Belagerung von Heinrich einehässliche Sache? Er hockt oben in der Harzburg wie eine Motte im Spinnennetz und ist umringt von feindlichen Truppen. Wenn die Feinde ihn in die Finger bekommen, werden sie ihn sicherlich mit Vergnügen ausweiden.“
Tilda presste kurz die Lippen zusammen und zog die Augenbrauen empor. „Nun, es gab eine Zeit, da hättet Ihr Euch gewünscht, dass sie dies mit ihm tun“, meinte sie und zwinkerte der Königin zu.
„So etwas gewünscht? Nein, auch nicht zu der Zeit, als er lediglich Verachtung für mich übrig hatte!“ Bertha seufzte schwer. „Als ich mit ihm als Kind verlobt und an den Hof gebracht wurde, mochte er mich bereits wenig. Du weißt, dass dies noch schlimmer wurde, als wir vermählt wurden. Drei lange bittere Jahre hat er mich missachtet, herabgewürdigt und beleidigt … und sich lieber Kebsweiber ins Bett genommen als mich. Und dann hat er den aufgeblasenen Sachsen Egeno II. von Konradsburg in die Pfalz geholt, der mich verführen sollte, damit Heinrich einen Grund hatte, sich von mir sch