[Vorwort]
Mitten im Frieden
Digital First. Bedenken Second.
Wahlkampfplakat der FDP 2017
Von: Anonymous Hacker
Gesendet: 30. Juli 2019
An: yvonnehofstetter@web.de
Hallo, Opfer.
Ich kenne dein Passwort: torno2001.
Das ist meine letzte Warnung.
Ich schreibe dir, weil ich einen Trojaner auf einer Pornografie- Webseite installiert habe. Und du hast die Webseite besucht.
Meine Malware hat all deine persönlichen Daten aufgezeichnet. Dann hat der Trojaner deine Kontaktliste gespeichert und deine Webcam eingeschaltet.
Du warst unanständig, und dabei habe ich dich gefilmt.
Das schmutzige Video und deine Daten werde ich löschen, wenn du mir 500 US-Dollar in Bitcoin bezahlst.
Hier ist die Wallet-Adresse für deine Zahlung:
135qVXXBZb3v2tQcLJRA8UAndiUYNybh3J
(Du kannst googeln: »Wie man Bitcoin kauft.«)
Ich gebe dir 24 Stunden Zeit ab dem Moment, in dem du meine Nachricht liest.
Und ich weiß sofort, dass du meine Nachricht gesehen hast.
Du kannst die Polizei alarmieren, aber sie wird dir nicht helfen.
Wenn du versuchst, mich zu betrügen, sehe ich es sofort! Stell dir nur die Peinlichkeit vor: Ich kann dein Leben ruinieren!
* * *
Nein, ich habe nie eine Pornografie-Webseite besucht, und bei mir gibt es auch nichts zu sehen oder zu hören, wenn ein Hacker Kamera oder Mikrofon an meinem Laptop oder Tablet einschaltet. Denn schon viele Jahre lang klebe ich die Sensoren meiner elektronischen Geräte ab. Deshalb ist die E-Mail-Drohung nichts weiter als ein Bluff. Sollten Sie ähnliche Erpresser-Mails erhalten, zahlen Sie nichts. Und wenn auf die Drohbotschaft eine weitere E-Mail mit Anhang folgt, hüten Sie sich, den Anhang zu öffnen! Er könnte Schadsoftware auf Ihrem Rechner installieren.
Während ich an diesem Buch schreibe, werde ich von Computerkriminellen einmal erpresst, einmal bestohlen und einmal gehackt. Obwohl ich für die Sicherheit meiner eigenen Rechneranlagen bis jetzt selbst sorgen konnte: Der Schutz von Informationen, die ich anderen Unternehmen überlassen musste, entzieht sich meiner eigenen Sorgfalt. Zum Beispiel bei Dropbox. Der Datenspeicher wurde angegriffen und die E-Mail-Daten der Nutzer gestohlen. Oder bei der Hotelkette Marriott. Adressen von 500 Millionen Hotelgästen wurden entwendet, viele Kreditkartendetails eingeschlossen. Auch ich bin Kundin bei Marriott. Nur wenn die Bank Verdacht schöpft – »Wir haben Ihre Kreditkarte gesperrt, weil wir eine verdächtige Transaktionsanfrage derAir Nigeria erhalten haben« –, verursacht der Datendiebstahl keinen unmittelbaren finanziellen Verlust beim Kontoinhaber. Trotzdem ist der volkswirtschaftliche Schaden durch Online-Betrügereien beträchtlich, weil er völlig unproduktiven Arbeitsaufwand verursacht.
Wenn Hackerangriffe publik werden, stellen sich Bürger wie Unternehmen gerne vor, die Angriffe würden von 18-jährigen Sonderlingen aus dem Schlafzimmer heraus geführt. Oft haben sie damit auch recht. Doch nun findet ein Bewusstseinswandel statt: Ermittler stellen immer häufiger fest, dass digitale Angriffe von Regierungen anderer Staaten beauftragt oder orchestriert sind, die sich privater Helfer bedienen, um online zu spionieren, Sabotageakte vorzubereiten und subversiv zu handeln. Der Angriff auf die Marriott-Hotelkette soll auf das Konto chinesischer Hacker gehen, die für das chinesische Regime spionieren.[1] Peking streitet die Angriffe ab – ein ganz typisches Verhalten, um sich von illegalen Aktionen auf fremdem Staatsgebiet zu distanzieren und Vergeltungsmaßnahmen der Staatengemeinschaft vorzubeugen. Die Externalisierung staatlicher Angriffe an Hacker, Internettrolle und Roboter, kurz: an die privaten Subunternehmer des Staates, erleichtert das Leugnen jedweder Regierungsbeteiligung.[2]
Die Digitalisierung hat nicht nur unser Privatleben und unseren Arbeitsalltag fest im Griff, mit ihr durchläuft auch die Kriegsführung die nächste Stufe der Evolution. Für Politik und militärische Gewaltausübung sind die allgegenwärtige Vernetzung, unsere permanente Ansprechbarkeit, die Geschwindigkeit der Kommunikation und immer intelligenter werdende Maschinen lohnende Mittel einer ArtSoft War. Sie erlauben, Druck auf Staaten und deren Bevölkerung – selbst bei so etablierten Mächten wie den USA – auszuüben und trotzdem das Risiko von Vergeltung und Eskalation zum heißen Krieg klein zu halten. Ganz ausschließen lässt es sich aber nicht, wie wir noch sehen werden. Denn die sogenannten asymmetrischen oder hybriden Bedrohungen, zu denen digitale Spionage, Sabotage und Subversion zählen, sind zum erschwinglichen Kriegsersatz geworden.[3] Und weil digitale Angriffe billiger kommen als ein heißer Krieg, nehmen immer mehr Staaten – auch die ökonomisch schwachen mit geringen Militärausgaben und schlecht ausgerüsteten Truppen sowie die neuen globalen Aufsteiger – eifrig daran teil und stören die internationale Ordnung und ihr früheres Gleichgewicht.
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