»Wo bleibt sie?«, fragte Julius Cornau ungehalten und blickte über den Schreibtisch hinweg auf seine beiden Söhne, die sich bequem in den Sesseln ausgestreckt hatten.
»Sie kommt wieder zu spät«, bemerkte Christoph, sein Ältester, schulterzuckend und verschränkte gelangweilt die Arme vor der Brust. »Können wir nicht einfach ohne sie anfangen? Sag, was du zu sagen hast, Vater, damit wir vorankommen.«
Demonstrativ blickte er auf seine teure Armbanduhr, als habe er noch einen wichtigen Termin. Dabei wusste der Senior genau, dass sein Sohn nur darauf wartete, so schnell wie möglich aus der Firma zu verschwinden. Der Feierabend hatte vor einigen Minuten begonnen. Ein Teil der Angestellten hatte bereits das Gebäude verlassen, ein anderer Teil, die Fleißigen, saß noch über Bauzeichnungen und Kalkulationen gebeugt oder arbeitete am Computer.
»Ich hätte auch noch etwas zu erledigen«, meldete sich überraschenderweise Cornaus zweiter Sohn Carsten, der bisher sehr unbeteiligt dagesessen und Löcher in die Luft gestarrt hatte.
Der Senior hieb mit geballter Faust auf den Schreibtisch, sodass es schepperte.
Carsten zuckte zusammen, und Christoph richtete sich abrupt in seinem Sessel auf.
»Wir warten, bis sie da ist«, bestimmte der alte Herr resolut und fühlte sich wie ein Lehrer, der seine Pennäler mit einem Donnerschlag aus dem geistigen Tiefschlaf erweckt hatte.
Kopfschüttelnd betrachtete er seine beiden Söhne. Christoph war vierunddreißig und verhielt sich manchmal wie ein Jungspund, der noch grün hinter den Ohren war und sich erst die Hörner abstoßen musste. Von je her hatte er das Leben auf die leichte Schulter genommen. Geld war immer da gewesen, und so hatte der Diplom-Ingenieur seine Studienjahre in Saus und Braus genossen. Feuchtfröhliche Partys und Frauen – viele Frauen – waren noch immer seine Lieblingsbeschäftigung. Und mit seinem guten Aussehen, der hochgewachsenen, durchtrainierten Statur und den blonden Haaren mangelte es ihm nie an Gelegenheiten.
Julius Cornaus zweiter Sohn Carsten war anders. Aber auch er war nicht der geeignete Nachfolger, den der Vater sich als Geschäftsführer seiner Baufirma gewünscht hätte. Mit Ach und Krach hatte sich Carsten durch sein Architekturstudium gequält, technische Fragen waren für ihn stets ein notwendiges Übel gewesen, aber seine Bauzeichnungen und Einrichtungspläne waren, wenn er sich denn mal darübermachte, von modernem Ideenreichtum – manchmal zu modern für Cornaus illustre Kundschaft.
Carsten, der vier Jahre nach Christoph geboren war, konnte seinem großen Bruder weder im Aussehen noch in seiner Art das Wasser reichen. Aber das hatte er auch nie angestrebt. Schon als kleiner Junge hatte er lieber bunte Bilder aufs Papier gebrac