Kapitel 2
Juni 1986. Benidorm, Spanien
»Ich hab echt langsam genug von diesem Scheiß hier, Bobby.«
»Wie bitte? Was ist denn mit all diesen anregenden Konversationen, dieser humorvollen Schlagfertigkeit der Gäste? Wie kann man davon je genug haben?«
»Lass stecken. Bitterbösen Sarkasmus krieg ich auch in Ayrshire rund um die Uhr.«
»Tja, dann ist unsere Zeit hier vielleicht langsam abgelaufen.« Bobby Cassidy hatte seinen letzten Kommentar leise ausgesprochen, war sich aber sicher, dass Lizzie King, mit der er seit vier Jahren zusammen war, ihn gehört hatte. Sie ließ sich jedoch nichts anmerken. Bobby hatte dieser Tage häufig das Gefühl, dass sie sich schon wie eins dieser ewig verheirateten Ehepaare aufführten. Von ihr ignoriert zu werden war vor diesem Hintergrund nichts Besonderes mehr.
Bobby und Lizzie hatten viel gemeinsam durchgemacht, seit sie sich 1982 in Kilmarnock kennengelernt hatten. Damals war Lizzie eine zentrale Person für den Beginn von Bobbys DJ-Karriere gewesen: Sie hatte ihn für die Party zu ihrem achtzehnten Geburtstag angeheuert – Bobbys erstes Booking überhaupt, der erste Schritt, um zusammen mit seinem damals besten Freund Joey Miller den großen Traum von einem mobilen DJ-Business zu verwirklichen. Dann, während der surrealen Ereignisse des Sommers 1982, war sie ihm eine Stütze gewesen, eine Schulter, an der er sich ausheulen konnte, und dafür würde er ihr bis in alle Ewigkeit dankbar sein. Mit der Zeit stellte sich eine übermäßige Vertrautheit zwischen Bobby und Lizzie ein – eine Folge der klaustrophobischen Arbeits- und Lebensbedingungen der gemeinsam in Benidorm verbrachten Sommermonate –, und dieses Übermaß an Vertrautheit begann nun von beiden seinen Tribut zu fordern.
Vier Jahre zuvor waren sie nach Spanien gegangen, um der Situation zu Hause zu entfliehen, wenngleich auch aus unterschiedlichen Gründen. Bobby versuchte dem immensen Druck zu entkommen, der ihm nach dem frühen Tod seines Vaters und den belastenden Umständen der Rückkehr seines Bruders aus dem Falklandkrieg zu schaffen machte. Lizzie floh vor den Verhältnissen in der viel zu engen Sozialwohnung ihrer Eltern und dem tristen Schicksal schottischer Fabrikarbeiter, das auch für sie vorherbestimmt zu sein schien. Sie wollte ein Leben ohne die immergleichen Streitereien darüber, ob diesen Monat zuerst die Miete und dann der Buchmacher bezahlt oder ob ihr arbeitsloser Vater endlich mal etwas Produktiveres mit seiner Zeit anstellen würde, als Lizzies Stiefmutter zu schwängern. Gäbe es beiUniversity Challenge die Spezialkategorie Fortpflanzung, Frank King hätte in der beliebten Quizshow problemlos alle Fragen und Rätsel gemeistert. Sicherlich, Lizzies Familie bestand aus guten, wohlmeinenden Menschen, aber suboptimale Lebensentscheidungen und die Konsequenzen der brutalen Einschnitte der Thatcher-Politik hatten ihr Dasein in eine freudlose Plackerei verwandelt, einen ständigen Kampf um das Allernotwendigste. Obwohl sie damals erst achtzehn gewesen war, hatten die Umstände Lizzie bereits zermürbt. Sie hegte keine unrealistischen Träume, strebte nicht nach einer Karriere als Stewardess, wollte sich aber sehr wohl das Leben in einem etwas farbenfroheren T