Kapitel 2
Bo stupste ihre Maus an, um ihren Bildschirm wieder zum Leben zu erwecken, bevor sie gedankenverloren die erste E-Mail in ihrem Postfach öffnete: ein Rundschreiben der Personalabteilung über die Umstrukturierung der Firma. Stirnrunzelnd blickte Bo auf den Monitor und hoffte, den Eindruck zu erwecken, sie würde nicht bemerken, dass Ben auf dem Weg in seine Abteilung mit seinem Tee an ihrem Schreibtisch vorbeikam. Einige Minuten später kündigte ein blinkendes Icon an, dass sie eine Nachricht bekommen hatte.Du siehst echt heiß aus heute Morgen, stand darin.Lust, mich am Freitag zur Eröffnung einer Cocktailbar zu begleiten?
Unentschlossen starrte Bo die Nachricht von Ben an. Sie war immer noch verärgert über die Szene, die sie gerade in der Küche mit angesehen hatte. Wenn sie Bens Einladung annahm, würde sie ihm damit stillschweigend signalisieren, dass sie ihn vom Haken gelassen hatte. Ihr pragmatischer Anteil ging allerdings die möglichen Alternativen für den Freitagabend durch und kam zu dem Schluss, dass sie sich höchstwahrscheinlich etwas zu essen bestellen und den Abend allein auf dem Sofa vor der Glotze verbringen würde.
Und das, dachte sie verzagt, war sicherlich ein Zeichen für ihre Quarterlife Crisis – ein weiterer Beweis dafür, dass ihr nach außen hin erwachsen wirkendes Leben nur eine Scharade war. Im neunten Monat ihrer Beziehung verheimlichten sie und Ben noch immer vor den Kollegen, dass sie zusammen waren (weil er darauf bestand); stattdessen schickten sie wie Teenager heimlich Nachrichten hin und her und ignorierten einander im Büro. Oft fragte sich Bo, ob Ben einfach nur die Macht genoss, die ihm dieses Arrangement verlieh; ob es ihm einen Kick versetzte, wenn er vor ihrer Nase mit anderen Frauen flirtete, weil er wusste, dass sie nicht darauf reagieren konnte.
Hat Tess Daly dich etwa abblitzen lassen?, tippte sie in den Computer ein und spitzte die Lippen zu einem Schmollmund. Mit Ben zusammen zu sein fühlte sich manchmal an wie ein Pokerspiel, in dem jeder Zug darauf abzielte, den Bluff des anderen aufzudecken. Bo hatte noch nie besonders gern Karten gespielt, schon gar nicht Poker. Irgendwie schienen die Gegner ihr Pokerface immer direkt zu durchschauen, so wie Ben jetzt sicherlich auch ihren Versuch bemerkte, die Coole zu spielen. Bo trank einen Schluck Tee, während sie auf seine Antwort wartete.
Tess kann mit dir nicht mithalten. Du warst meine erste Wahl.
Automatisch sackten Bos Schultern leicht nach unten, und sie ließ die Finger auf die Tastatur sinken. Wem machte sie hier eigentlich etwas vor? Sie wussten sowieso beide, wie die Sache ausgehen würde, und außerdem hatte sie noch einen Haufen Arbeit zu erledigen.
Okay. Wann und wo?, tippte sie daher ein.
Ben Wilkinson hatte vor zehn Monaten bei Aspect angefangen. An einem grauen Tag im Januar war er im Büro aufgetaucht, dem ersten Arbeitstag nach dem Weihnachtsurlaub. Wie gewöhnlich hatte Bo die Feiertage bei ihren Eltern verbracht, die in einem freistehenden Einfamilienhaus am Rande einer aufstrebenden Pendlerstadt in Buckinghamshire wohnten, in einer Siedlung aus lauter sich ähnelnden, kostspielig in Schus