Feiertage mit Familienanschluss
Katja hörte die Kinder schon lärmen, als sie sich der Wohnungstüre näherte: fröhliches Kreischen, lautes Jauchzen, trippelnde Schritte auf Parkett. Sie unterdrückte ein Seufzen und drückte auf den Klingelknopf. Das konnte ja etwas werden! Heilig Abend im Kreis der Familie …
Sie hatte zu Familienfesten seit jeher ein gespaltenes Verhältnis. In ihrer Erinnerung waren sie meistens mit Streitigkeiten verbunden. An Feiertagen gerieten sich ihre Eltern besonders häufig in die Haare, meist später am Abend, wenn die Flasche Wein auf dem Tisch leer getrunken und die Kinder im Bett waren. Katja und Sophie schreckten dann meist von der schrillen, durchdringenden Stimme ihrer Mutter hoch, die wieder einmal lautstark verkündete, dass sie ihren Vater verlassen würde. Katja, obgleich drei Jahre jünger, hatte dann stets ihre Schwester trösten müssen, die angesichts der heftigen Streitereien in Tränen ausgebrochen war.
Sophie öffnete ihr die Türe. Noch ehe sie sich begrüßen konnten, sprang ihr ein lebhaftes Energiebündel mit hellbraunen Locken in die Arme und redete aufgeregt auf sie ein – was, konnte Katja in diesem Moment nicht genau verstehen, denn an ihrem Hosenbein zupfte bereits ein weiteres Energiebündel, ebenfalls mit hellbraunen Locken, und plapperte ebenfalls mit glockenheller Stimme los wie ein Wasserfall.
Katja war über die stürmische Begrüßung selbst überrascht. Sie hatte nicht erwartet, dass ihre Nichten, die sie seit ihrer Ankunft erst zweimal zu Gesicht bekommen hatte, so schnell ihre anfängliche Scheu ablegten und Zutrauen zu ihr fassten.
An jenem ersten Sonntagnachmittag, an dem sie Sophie und Ben in ihrer geräumigen Altbauwohnung nahe der Innenstadt aufgesucht hatte, waren ihr die beiden Mädchen zunächst mit Zurückhaltung begegnet. Misstrauisch hatten sie die Fremde, die sie bisher nur von Fotos als ihre Tante kannten, beäugt. Katja hatte sie bei ihrem letzten Aufenthalt in Deutschland bereits auf dem Arm getragen, aber daran konnten sie sich natürlich nicht mehr erinnern. Im Laufe des Nachmittags waren sie zunehmend mutiger geworden, und Katja hatte einen Vorgeschmack davon bekommen, was es bedeutete, mit zwei so lebendigen Wesen unter einem Dach zu wohnen. Lara und Leonie – Katja konnte die beiden noch immer nicht zielgerichtet unterscheiden – waren ständig um ihre Eltern und sie herumgeturnt, hatten durcheinander geplappert und ständig nach Aufmerksamkeit verlangt. Katja war froh gewesen, als sie wieder alleine war.
»Leonie, Lara! Lasst Tante Katja doch erst einmal ihren Mantel ablegen!«
Sophie warf Katja einen entschuldigenden Blick zu, den diese dankbar erwiderte. Noch dankbarer war sie, als es Sophie tatsächlich gelang, ihr Lara vom Arm und Leonie von ihrem Bein zu entfernen – oder war es umgekehrt?
»Die beiden haben sich schon den ganzen Tag auf dich gefreut«, versicherte Sophie, während sie Katjas Mantel im Garderobenkasten verstaute. »Ehrlich gesagt, ich habe gar nicht so früh mit dir gerechnet. Ich habe angenommen, dass du noch bis zum späten Nachmittag Möbel in deiner neuen Wohnung zusammenbaust.«
»Das hätte ich sicher, aber ich möchte mich nicht gleich bei den Nachbarn unbeliebt machen«, erwiderte Katja. »Das Hämmern macht doch ganz schön Lärm, und an Feiertagen sind die Ohren der Nachbarn erfahrungsgemäß besonders sensibel.«
Vor einer Woche hatte sie den Mietvertrag für eine Zwei-Zimmer-Wohnung in einem sanierten Altbau unterschrieben, fünfzehn Gehminuten vom Stadtzentru