: Jürgen Todenhöfer
: Die große Heuchelei Wie der Westen seine Werte verrät
: Ullstein
: 9783843720267
: 1
: CHF 12.60
:
: Vergleichende und internationale Politikwissenschaft
: German
: 336
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Außenpolitik des Westens beruht auf einer zentralen Lüge: Seine weltweiten blutigen Militärinterventionen dienen nicht den Menschenrechten, sondern kurzsichtigen ökonomischen und geostrategischen Interessen. Jürgen Todenhöfer belegt dies mit erschütternden Beispiele und fordert: Der Westen muss die Menschenrechte endlich vorleben, anstatt sie nur vorzuheucheln. Unter dem Vorwand edler Ziele verfolgt der Westen mit seinen Militärinterventionen seit Jahrhunderten eine gewaltsame Interessenpolitik - längst nicht nur in Afghanistan, Irak, Syrien, Libyen oder im Jemen. Diese Politik der großen Heuchelei, die heute von mächtigen Medien mitgetragen wird, zerstört nicht nur andere Völker und Zivilisationen, sondern auch die Legitimität und Glaubwürdigkeit des Westens. Und sie gefährdet ihn selbst, denn ein Weitermachen wie bisher bedeutet mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass nicht nur die Menschen weltweit, sondern auch in Europa wieder und wieder die Katastrophen ihrer Geschichte durchleben müssen. Jürgen Todenhöfer belegt seine Thesen mit packenden Beispielen, zusammen mit seinem Sohn recherchiert in den gefährlichsten Krisengebieten der Welt. Er fordert: Der Westen muss endlich die Interessen anderer Völker mitberücksichtigen, anstatt sie mit Füßen zu treten. Nur wenn er die humanistischen Werte, die er für sich selbst in Anspruch nimmt, vorlebt und weltweit fair agiert, hat er eine Zukunft.

Jürgen Todenhöfer wurde 1940 in Offenburg geboren. Von 1972 bis 1990 war er CDU-Bundestagsabgeordneter, von 1987 bis 2008 Stellvertretender Vorsitzender eines großen internationalen Medienkonzerns. Er zählt zu den kenntnisreichsten Kritikern der Militärinterventionen im Mittleren Osten. Seit über fünfzig Jahren bereist er dessen Krisengebiete. Er versucht stets, mit allen Seiten zu sprechen: mit Rebellen, Terroristen, Präsidenten und Diktatoren. Vor allem aber mit der leidenden Bevölkerung. Seine Bücher wurden allesamt Bestseller und weltweit übersetzt.

1. KAPITEL
RÜCKKEHR NACH MOSSUL

Mossul, März 2017. Ein kühler, sonniger Tag. Zwei Jahre nach unserer Reise in den »Islamischen Staat« sind wir erneut in Mossul. Hier toben schwere Kämpfe. In einem Humvee der »Golden Division«, der Elite-Antiterror-Einheit der irakischen Armee, fahren wir Richtung Front. Wir, das sind zwei stämmige irakische Soldaten, eine ortskundige kurdische »Fixerin«, mein 33-jähriger Sohn Frederic und ich. Ohne »Fixer« mit guten Kontakten zu Militär und Bevölkerung kommt man in Mossul nirgendwohin.

Auf dem Dach des Humvees ein Maschinengewehr. Breitbeinig steht derMG-Schütze in unserem engen Kampffahrzeug. Mit seinen lehmverschmierten Stiefeln verdreckt er alle. Frederic stößt immer wieder mit dem Kopf gegen die harten Kanten des offenen Daches.

DER TOTE IS-KÄMPFER

Die Zerstörungen West-Mossuls sind apokalyptisch. Sie erinnern mich an die Verwüstungen von Ost-Aleppo, an deutsche Städte nach dem Krieg, an Hiroshima. Die Straße, auf der wir fahren, ist zu einem Lehmweg zusammengebombt. Links und rechts ausgebrannte, zusammengeschmolzene Autos, bizarre Häusergerippe. Um uns herum Maschinengewehrfeuer. Vor uns die Front. Ich schaue Frederic an. Er ist ganz ruhig.

Auf der rechten Straßenseite sehen wir einen totenIS-Kämpfer im schwarzen Kampfanzug. Aufgequollen liegt er auf dem Rücken. Wahrscheinlich ist er seit Tagen tot. Niemand hatte Zeit, Mut, Anstand, ihn zu bestatten. Freddy ist bleich. Ich wahrscheinlich auch.

Ich lasse anhalten. Nicht weit entfernt hören wir bellende Schüsse. Ich frage unseren Fahrer, wer da schieße: derIS oder seine Leute? Vorsichtig streckt er den Kopf aus dem Fahrzeug und lauscht. »Unsere Leute«, meint er.

Wir steigen aus. Frederic geht vor zu dem totenIS-Kämpfer, um zu filmen. Ich will mir das nicht antun. Und gehe langsam in die andere Richtung. Vor mir ein mehrstöckiges Haus, das die Straße abschließt. Ich ahne nicht, dass ich auf eine Stellung desIS zulaufe. Dass ich im Visier desIS bin.

Ich will nachdenken. Über den toten Kämpfer, der hinter mir im Staub liegt. Über den Aufstieg und Fall des angeblich unbesiegbarenIS. Über die in Grund und Boden gebombten Stadtviertel, in denen Tausende Zivilisten ihr Leben verloren haben. Darüber, dass all das im Westen niemanden interessiert.

Die Schießerei hat aufgehört. Ich will umkehren. Zu unserem Humvee zurück. Plötzlich schlägt zischend, pfeifend, peitschend neben mir eine Kugel ein. Steinsplitter spritzen auf. Geduckt stürze ich zum Humvee. Frederic reißt mich ins Fahrzeug, zerrt die gepanzerte Tür zu.

»Verdammt knapp!«, flucht unser irakischer Fahrer. Die kurdische Fixerin bekommt kein Wort heraus. Nach einer Weile sagt sie, etwas so Enges habe sie noch nie erlebt. Ich sei dem Tod direkt entgegengelaufen. Freddy ist kreidebleich. Er hat im Rücken einen Steinsplitter abbekommen. Er blutet nur leicht. Obwohl die Wunde recht tief ist. Stumm legt er seine Hand auf meine Schulter.

DIE TRAGÖDIE MOSSULS

Seit meiner Rückkehr aus dem »Islamischen Staat« vor zwei Jahren wusste ich: Ich musste nach Mossul zurück. Die jahrtausendealte multikulturelle, multireligiöse Weltstadt im Norden des Irak hatte mich immer angezogen.

Schon Anfang 2003, kurz vor derUS-Invasion, hatte ich sie besucht und bewundert. Stundenlang war ich durch ihre Gassen geschlendert. Sunniten, Schiiten, Jesiden und Christen lebten hier harmonisch zusammen. Genauso wie Araber und Kurden. Die Menschen waren mir gegenüber sehr freundlich, obwohl sie unter den Sanktionen des Westens bitter zu leiden hatten. Diese Sanktionen, die der Vatikan »pervers« nannte, hatten in Mossul Tausende Menschen getötet. Im Gesamt-Irak hatten sie einer halben Million Kindern das Leben gekostet.

Nach derUS-Invasion und dem Sturz Sad