Zweites Kapitel
Individuelle Unterschiede
Menschen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht. Einige sind groß; andere sind klein. Einige sind stark gebaut und kämpfen mit ihrem Gewicht, während andere dünn sind und in der Lage sind, ein ähnliches Gewicht während ihres erwachsenen Lebens zu halten. Menschen unterscheiden sich auch in ihrer Intelligenz, ihrem Temperament und ihrer Persönlichkeit. Sind einige dieser Merkmale mit Emotionen verbunden? Unterscheiden sich Menschen in ihrer emotionalen Reaktion auf die gleiche Situation? Wenn ja, warum ist das so? Gibt es spezifische Strategien, mit denen Menschen ihre Emotionen bewältigen? Sind einige dieser Strategien mit emotionalen Störungen verknüpft?
Dieses Kapitel versucht, Antworten auf diese komplizierten Fragen zu geben. Es werden verschiedene biologische und psychologische Faktoren, die zu diesen individuellen Unterschieden beitragen, diskutiert. Einige Faktoren sind leichter zu beurteilen als andere. (In Anhang I werden am Ende des Buches einige häufig verwendete und kurze Fragebögen zur Selbsteinschätzung bei der Bewertung einiger dieser Differenzvariablen aufgelistet.) Die verschiedenen Faktoren werden am Ende des Kapitels in ein Diathese-Stress-Modell emotionaler Störungen integriert.
Ebenen individueller Unterschiede
Wie in Kapite 1 definiert, ist eine Emotion eine multidimensionale Erfahrung, die durch verschiedene Ebenen der Erregung und Ausprägungen von Freude bis hin zu Unmut geprägt ist (einige Menschen erleben eine größere Erregung und Freude bei den gleichen Reizen als andere), assoziiert wird mit subjektiven Erfahrungen (einige Personen reagieren mit einer qualitativ anderen Art von Affekt auf die gleiche Situation als andere) sowie
somatischen Empfindungen und Motivationstendenzen (verschiedene Individuen haben unterschiedliche Motive), und schließlich auch gefärbt wird durch kontextbezogene und kulturbezogene Faktoren (verschiedene Kulturen prägen affektive Erlebnisse auf eine spezielle Weise). Wie bereits erwähnt, kann eine Emotion bis zu einem gewissen Grad durch intrapersonelle und zwischenmenschliche Prozesse reguliert werden.
Traditionsgemäß konzentrieren sich Emotionsforscher vor allem auf allgemeine Merkmale von Emotionen, die alle Menschen und sogar verschiedene Spezies gemeinsam haben. Andere Forscher haben individuelle Unterschiede in der Erfahrung von Emotionen untersucht (Feldman, 1995a, 1995b; Remington et al., 2000; Terracciano et al., 2003; Watson et al., 1999; Winter& Kuiper, 1997).
Das Erkennen und Verstehen dieser Unterschiede ist bedeutsam, um Befunde aus der Emotionsforschung in die klinische Praxis zu übertragen. In diesem Kapitel wird die Rolle der Umwelt und die Diathese (Anfälligkeit) einer Person für die Entwicklung und Erhaltung von emotionalen Störungen untersucht. Ein zentrales Element des Modells, das hier vorgestellt wird, ist der affektive Stil der Person, der zu einer Dominanz negativer Affekte und einem Mangel an positiven Affekten führen kann, sowie die unangemessenen Strategien zur Bewältigung negativer Affekte, die schließlich zu emotionalen Störungen führen.
Kultureller Hintergrund
Es ist wichtig, den individuellen Hintergrund einer Person in dieser Diskussion zu betrachten. Sexuelle Orientierung, Kultur, sozioökonomischer Status und Bildungsstand, traumatische Er