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Psychosoziale Arbeit
Versteht man Beziehungskonstellationen, wie soeben angesprochen, als „dynamische Systeme“ (Krappmann, 1993, S. 40) mit dialektischem Bezug zur insbesondere soziokulturellen Ebene, so ist diese auch zu berücksichtigen. Wandlungs- und Veränderungsprozesse gab es immer: „In modernen und postmodernen Gesellschaften sind sie jedoch häufiger, schneller und radikaler geworden – und zwar auf (mikrosozialer) individueller, persönlicher, (mesosozialer) organisatorisch-institutioneller ebenso wie auf (makrosozialer) gesellschaftlich-kultureller Ebene“, stellen Weinhold und Nestmann (2012, S. 52) fest, „und sie beinhalten immer vielfältige Chancen, aber auch Risiken für die beteiligten und betroffenen Personen, Gruppen und Systeme“ (ebenda). Zum Verständnis hilft hier zu verstehen, wie sehr sich der Alltag in modernen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten verändert hat (Beck, 1986).
2.1 Sozialisation heute
Während in der Vergangenheit stark vorgegebene Sozialisationsverläufe üblich waren, sind lineare Lebensverläufe – im Zuge kultureller Freisetzungsprozesse aus traditionellen Lebensformen – heute selten geworden. Dafür stellt unsere heutige Gesellschaft eine Reihe von Möglichkeiten für individuelle Lebensformen bereit, ohne jedoch „eine institutionell wirksame, sozial verlässliche Garantie für den Erfolg der biografischen Projekte zu übernehmen“ (Böhnisch, Lenz& Schröer, 2009, S. 18). Es gilt daher inzwischen als disziplinübergreifender Konsens, dass Identität von klein auf in einer lebenslangen „aktiven Auseinandersetzung mit der … Umwelt“ (Hurrelmann& Ulich, 1980, S. 7) erworben wird. Diese in den letzten Jahrzehnten fortgeschrittene Pluralisierung von Selbst- und Weltbildern und die Beschleunigung sozialer und kultureller Wandlungsprozesse erfordern eine hohe Flexibilität (Sennett, 1998/2000).
Die zunehmende Entgrenzung eröffnet durchaus eine Reihe von Freiheiten zu aktiver Identitätsarbeit (Keupp, 2013): „Während das Sozialisationsregime im Verlauf der Ersten Moderne durch die Spannung von Institution und personaler Autonomie bestimmt war, ist das Sozialisationsregime der Zweiten Moderne durch … die Chance und den Zwang zur Selbstorganisation charakterisiert“ (Böhnisch et al., 2009, S. 10). Wer mit einer guten Ressourcenausstattung schnell wechselnde Bedingungen flexibel zu nutzen weiß, sieht sich einem attraktiven Angebot an Lebenswegen und Gestaltungsmöglichkeiten gegenüber. Zugleich sind aber auch vielfältige Übergänge und Brüche dabei zu bewältigen (Gahleitner& Hahn, 2012). Resultat ist ein zunehmender Verlust sozialer Einbindung und kultureller Einbettung mit positiven wie negativen Konsequenzen für Entwicklungs-, Sozialisations- und Identitätsprozesse (Keupp, 2012).
Benachteiligte und beeinträchtigte Menschen geraten auf diese Weise nicht selten ins Abseits. Dazu gibt es inzwischen verschiedene tragfähige epidemiologische Untersuchungen (WHO, 2001). Demnach nehmen soziale und gesundheitliche Probleme nicht etwa nur in „armen“ Ländern zu, sondern insbesondere in Gesellschaften, die eine starke Ungleichheitsverteilung aufweisen (Wilkinson& Pickett, 2010). Das „abgehängte Prekariat“ (Keupp, 2010, S. 9) leidet unter der Exklusion nicht nur durch Armut, sondern diese geht mit gravierenden gesundheitlichen Risiken einher, denen das aktuelle Gesundheitssystem nicht gewachsen ist (vgl. auch Hanses, 2007). Dies führt zur demografischen, kulturellen oder strukturellen Benachteiligung von KlientInnen, die multiproblembelastet sind und vom Versorgungssystem schlecht erfasst werden. Brackertz (2007) bezeichnet diese Zielgruppe als „hard to reach“-Klientel (vgl. umfassend dazu Labonté-Roset, Hoefert& Cornel, 2010).