: T. S. Orgel
: Das Haus der tausend Welten Roman
: Heyne Verlag
: 9783641233884
: 1
: CHF 4.50
:
: Fantasy
: German
: 592
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das Leben in den verwinkelten Gassen Atails ist hart, vor allem, wenn man nicht zu einer der großen Magierfamilien gehört. Die Straßenzauberin Stern schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben, als ihr eines Tages der Schlüssel zum Haus der tausend Welten in die Hände fällt, das einst der Sitz der Magiergilde war. Der Legende nach soll es unendlich viele Räume beherbergen, gefüllt mit Schätzen und Artefakten, die selbst aus einfachen Zauberern die mächtigsten Magier der Welt formen können. Gemeinsam mit ihren Gefährten Fuchs, Ako, Baelis und Salter macht Stern sich auf den Weg dorthin. Aber sie sind nicht die Einzigen, die die Geheimnisse des Hauses ergründen wollen. Noch ahnen die Schatzsucher nicht, was im Inneren des Hauses wirklich auf sie wartet ...

Hinter dem Pseudonym T. S. Orgel stehen die beiden Brüder Tom und Stephan Orgel. In einem anderen Leben sind sie als Grafikdesigner und Werbetexter beziehungsweise Verlagskaufmann beschäftigt, doch wenn beide zur Feder greifen, geht es in fantastische Welten. Ihr erster gemeinsamer Roman »Orks vs. Zwerge« wurde mit dem Deutschen Phantastik Preis für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet. Seitdem haben sie mit »Die Blausteinkriege«, »Terra« und »Die Schattensammlerin« noch viele weitere Welten erkundet.

SALTER

Das erste Mal fiel Salter die Frau ins Auge, als er gerade einen Hügel überquert hatte und ein Wegkreuz passierte. Sie saß auf einem Stein, ihren Wanderstock quer über die Knie gelegt und ein schmales Lächeln auf den Lippen. Der Anblick machte ihn nervös.

Es war nicht so, dass Frauen ihn normalerweise nervös machten. Nicht sehr jedenfalls. Es sei denn, sie sprachen ihn an. Oder lächelten. Salter war im Umgang mit Frauen nicht besonders geübt. Seine Studien hatten ihm nur wenig Zeit gelassen, sich um weltliche Dinge zu kümmern. Dinge wie das Ansprechen von Frauen, das Artikulieren verständlicher Laute in ihrer Gegenwart oder die Vermeidung peinlicher Missgeschicke. Solche Dinge eben. Dennoch hätte unter anderen Umständen kein Grund zur Sorge für ihn bestehen müssen. Er hätte den Kopf senken und die Frau einfach ignorieren können. Sie war schließlich um einiges älter als er und sah nicht gerade bedrohlich aus. Ein spindeldürrer Strich in der Landschaft, mit angegrautem Haar und dem schlichten Gewand einer Pilgerin. Außerdem schien sie allein unterwegs zu sein.

Das war vermutlich auch der Grund, warum ihn bei ihrem Anblick dennoch ein ungutes Gefühl beschlich. Eine einsame Frau ohne Begleitung auf der Fernstraße zwischen Bashun und den Säulen des Himmels – wenn das mal nicht äußerst verdächtig war. Nervös rückte er den Schwertgurt zurecht, sodass die Frau die Länge seines Ralgri gut abschätzen konnte. Es war eine kampferprobte Waffe, die Klinge vielfach nachgeschliffen und der sorgfältig mit Leder umwickelte Griff schon speckig. Ein aufmerksamer Beobachter musste ganz unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass sie schon häufig gezogen worden war. Dafür konnte Salter sich verbürgen, denn er hatte das Ralgri einem Palastwächter gestohlen, der für seine Fähigkeiten außerordentlich gut bezahlt wurde. Seine eigenen Schwertübungen lagen dagegen schon eine ganze Weile zurück. Trotzdem hoffte er, dass allein der Anblick der Waffe potenzielle Wegelagerer von ihrem Vorhaben abbringen würde. Die Pilgerin nickte ihm zu, als er vorüberritt. Er senkte den Kopf und tat so, als hätte er den Gruß übersehen. Unauffällig trieb er sein Lopec zu einer schnelleren Gangart an. Als die Pilgerin außer Sicht war, ließ er sich im Sattel zurücksinken und stieß einen erleichterten Seufzer aus.

Er war jetzt schon beinahe eine Woche auf der Flucht. Die Landschaft hatte sich merklich verändert, war schroffer geworden und viel karger, als er es gewohnt war. Das satte Grün und Rot des kaiserlichen Ahorns und die blühenden Wiesen rund um Bashun waren von Tag zu Tag mehr dem deprimierenden Anblick verkrüppelter Kiefern und dorniger Büsche gewichen, die sich dem stetig zunehmenden Wind aus Norden entgegenstemmten. Schon seit über drei Tagen hatte Salterkeine Felder oder Bauernhöfe mehr zu Gesicht bekommen. Die wenigen Gasthäuser, an denen er vorübergeritten war, ähnelten eher Ruinen als den Behausungen menschlicher Wesen. Schäbige Baracken hinter Holzpalisaden, die alles andere als einladend wirkten. Im Grunde war ihm das aber auch ganz recht gewesen, denn je weniger Interesse die Wirte an ihren Gästen zeigten, desto weniger verfängliche Fragen stellten sie.

Das Gasthaus, in dem er zur Nacht abstieg, wurde von einem zahnlosen Alten und seinen drei grimmig dreinblickenden Söhnen betrieben. Das Essen wurde im Haupthaus ausgeteilt: ein stinkender Brei aus fermentierten Bohnen, den der Wirt aus einem dreckverkrusteten Kessel kratzte. Dem Au