1. Teil
Ich sah dich das erste Mal vor unserem Haus. Plötzlich standst du da, so, als hätte dich der Morgenwind in die Toreinfahrt getrieben. Shirt, Jeans und Hoodie in der Farbe meiner Laune. Zu Grau verwaschenes Schwarz.
Du zündetest dir eine Selbstgedrehte an. Der Geruch stach mir in die Nase. Ein kurzes sehnsüchtiges Zwicken.
Doch für so etwas blieb keine Zeit. Wie jeden Morgen war ich genau dieses Quäntchen zu spät, das meine Lehrer inzwischen auf die Barrikaden trieb. Dabei wohnte ich nur zwei Minuten von der Schule entfernt.
Aber eben diese zwei Minuten verlangten mir alles ab. Eine unfassbare Müdigkeit hielt mich morgens fest in ihren Klauen. Außerdem wollte ich überall sonst sein, nur nicht hier: auf dem Weg in die Schule, die ich hasste. Die öden, dahinkriechenden Stunden, meine langweiligen Mitschüler, die enttäuschten Lehrer, diese ganze Lebenszeitverschwendung.
»Auch einen?« Dein Grinsen war breit. Breiter, als es eine normale Zigarette verursacht haben könnte.
Was für ’n Idiot, kifft vor der Schule?! Für’s Kiffen konnte man fliegen. Wenigstens nicht zu fliegen schien noch wichtig zu sein.
Ich antwortete dir nicht. War zu kaputt und hatte zu schlechte Laune. Du hättest mir egal sein müssen, wir kannten uns nicht. Stattdessen wurde ich richtig wütend.
Wut wiederum kannte ich. Sie kam oft. Als hätte es da einen Topf in mir gegeben, der auf einer heißen Herdplatte stand und brodelte. Mit Deckel. Manchmal genügte der Blick eines Fremden, manchmal eine Haarsträhne, die nicht gut lag, und ich kochte über.
Es war diese unerklärliche Wut gewesen, die meine Mutter dazu gebracht hatte, vor zwei Wochen einen Termin bei einem Jugendpsychologen auszumachen. Ich war mitgegangen. Die einzige Chance, möglichst schnell wieder in Ruhe gelassen zu werden. Der Termin war absolut sinnlos. Dass ich zu depressiven Stimmungen neigte, wusste ich auch schon vorher. Immerhin war ich immer dabei gewesen.
Im Weitergehen wurde mir klar, dass du genau die Frisur trugst, die ich gestern dem Friseur zu beschreiben versucht hatte. Doch der hatte mich nicht verstanden oder es einfach nicht hingekriegt. Darum trug ich eine Mütze.
Die in derHairfabrik hatten mich definitiv das letzte Mal gesehen. In dem Eckladen vorn an der großen Kreuzung hatte vor zwei Wochen ein neuer Friseur eröffnet. Bis vor einem Monat hatte der Typ da drin noch Döner verkauft. Zusammen mit seinem Bruder und seinem Cousin. Jetzt schnitten die drei Haare. Waren wohl Alleskönner. Man musste lange warten, bis man dran war, bezahlte dann aber nur einen Zehner und hatte wenige Minuten später eine ziemlich gediegene Frisur. Hinten und an den Seiten auf sechs Millimeter, oben lang, nach links liegend, scharfe Kanten. Keine Ahnung, warum ich gestern trotzdem und wie immer dorthin gegangen war, wo sich auch meine Mutter die Haare schneiden ließ. Vielleicht wegen desWie-immers. Es sollte mir eine Lehre sein. Beim Türken wäre es auch noch fünf Euro billiger gewesen und ich konnte gerade jeden Cent gebrauchen.
Die zwei Minuten waren um und ich betrat die Schule. Als ich mich kurz umdrehte, sah ich, dass du mir in den Klassenraum gefolgt warst. Dich sogar, immer noch breit grinsend, neben mich setztest. Wahrscheinlich, weil dort der einzig freie Stuhl stand. Dabei hatte ich den leeren Platz neben mir gemocht. Der war die letzten drei Jahre immer da gewesen. Nun saßtdu auf diesem sonst leeren Platz, und ich konnte nichts dagegen sagen, weil tatsächlich kein anderer Stuhl frei war.
Mich wunderte es, dass unser Lehrer dich nicht vorstellte. Aber vielleicht hatte ihm dein lässiges Nicken in seine Richtung genügt. Einer, der sich um sich selbst kümmerte. In einem Haufen pubertierender Neuntklässler wahrscheinlich ein willkommenerer Gast als ein hilflos lächelnder Streber, der am liebsten an die Hand genommen worden wäre. Wie die meisten wirkte auch mein Klassenlehrer etwas überfordert. Er starrte unzählige Male aufs Smartphone, prüfte, ob die Stunde bald vorbei sei. Manchmal sogar öfter als wir. Hin und wieder tat er mir leid. Aber letztlich war das sein Problem.
Du hattest nichts dabei. Kein Buch, kein Heft, keinen Stift, nicht einmal einen Beutel. Nur diese Bauchtasche, die du quer über der Brust trugst. Sie roch so stark nach Gras, dass ich mich fragte, warum keiner etwas sagte.
Und dann war da noch die Flasche Mate. Die stelltest du vor dich auf den Tisch. Eigentlich dürfen wir im Unterricht nichts trinken. Da wusste ich noch nicht, dass du so eine Flasche ständig mit dir herumtragen würdest, weil du süchtig nach dem Zeug warst.
Du klemmtest die Füße unters Pult und lehntest dich zurück. Dein Stuhl kippte gefährlich weit nach hinten. Plötzlich wünschte ich mir, dass du umfielest. Oder dass wenigstens die Flasche Mate herunterfallen und zerbrechen würde. Als hättest du das gehört, grinstest du mich an. Ich fühlte mich ertappt und ärgerte mich darüber. Dann schämte ich mich. Doch deine übertrieben lässige Art nervte mich extrem.
Erst später begriff ich, dass mir deine Unbekümmertheit eigentlich imponierte. Aber an diesem ersten Tag konnte ich das nicht zugeben. Weil du alles warst, was ich nicht war. Und weil ich das vom ersten Moment an kapiert hatte.
Auf dem Heimweg liefst du neben mir. Wie ein Schatten. Obwohl es umgekehrt war.
Ich blickte auf deine Sneakers. Nike Air Max. Zweihundertundzehn Euro. Als ich meiner Mutter gesagt hatte, dass ich diese Schuhe wollte, hatte sie mich bloß angeschaut, als ob ich sie nicht mehr alle hätte. Wir haben fünfzig die Woche für Lebensmittel. Ein Paar Schuhe im Gegenwert des Essens eines ganzen Monats – Wahnsinn.
Deine Nähe machte mich nervös. Als würdest du mich irgendwie herausfordern.
»Was ist dein Problem, Alter?«, fuhr ich dich an.
Du zucktest die Schultern. Grinsend, an einer Selbstgedrehten ziehend.
»Du klebst mir schon den ganzen Tag im Nacken«, schnauzte ich. »Was willst du von mir?«
Du bliebst stehen, tratst sorgsam deine Kippe aus, hobst sie vom Boden, verstautest sie in deiner Hosentasche, schautest dann auf und mich an.
»Nichts. Aber vielleicht willst du ja was von mir?«
Dann gingst du davon.
»Und was soll das sein?«, rief ich hinter dir her.
Doch du zucktest im Weitergehen erneut mit den Schultern.
Ich blickte dir nach, hoffte, du würdest dich noch mal umdrehen, antworten, grinsen. Meinetwegen auch winken. Einfach irgendwas. Aber du würdest niemals das tun, was ich mir gewünscht hatte. Das wusste ich nur noch nicht.
Als du um die Ecke gebogen warst, hatte ich plötzlich ein komisches Ziehen im Bauch. So etwas wie Bedauern. Solche Gefühle versuchte ich normalerweise zu vermeiden, legte und klebte unwichtige Gedanken oder sinnlose Zahlenfolgen darüber. Meistens funktionierte das auch.
Nur diese bescheuerte Wut bahnte sich immer ihren Weg.
Ich fluchte leise vor mich hin. Die Sonne schien sommerwarm vom Himmel. Auf mich wartete nur die PlayStation hinter den heruntergelassenen Jalousien meines Zimmers. Es war nicht so, dass ich niemanden hatte. Mit meinen alten Kumpels traf ich mich nach wie vor. Wir chillten im Park. Übten rauchen. Tranken Bier, das wir inzwischen mit dem Feuerzeug öffnen konnten. Hörten Hip-Hop. Lachten über gemeinsame Erinnerungen an völlig idiotische Streiche, die wir anderen gespielt hatten. Schauten den Mädchen aus der Ferne zu.
Wir kannten uns schon seit der Grundschule. Jetzt ging jeder in eine andere weiterführende Schule. Abends trafen wir uns unter der Blutbuche. Nachts in irgendwelchen OnlineSpielen. Wenn man zusammen von den Viertklässlern verhauen worden war und später selbst die Erstklässler dazu gebracht hatte, mit alten Strohhalmen aus Pfützen zu trinken, dann schweißte das zusammen. Miteinander ausgestandene Pein und ein gemeinsam entwickeltes schlechtes Gewissen waren nicht die verkehrteste Basis.
Trotzdem fiel es mir immer schwerer, sie als meine Freunde zu bezeichnen. Sie waren irgendwie nicht genug. Oder das, was wir sagten und taten, war es nicht. Ich fühlte mich nie hundertprozentig richtig. Nicht mit ihnen. Aber auch mit niemandem sonst. Nicht einmal mit mir selbst.
Mit mir selbst am allerwenigsten.
Alles war nurfast. Beinahe gechillt, beinahe krass, beinahe echt. Als hätte einem ein Wort auf der Zunge gelegen, eines, das gerade ganz genau gepasst hätte. Man konnte es aber nicht aussprechen, weil es einem trotzdem nicht einfiel.
Und das waren noch die guten Tage.
Dann gab es die schlechten. An denen fühlte ich mich so...