: Wajima Safi
: Denn wir waren Krieger
: Bookspot Verlag
: 9783956691157
: 1
: CHF 7.10
:
: Romanhafte Biographien
: German
: 300
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Winter 1980: Im Trubel eines Novembermorgens kommen die schwangere Layla und ihr Mann Jamal mit ihrer kleinen Tochter am Münchner Hauptbahnhof an. Hinter ihnen liegt die Flucht aus dem von Kriegen gebeutelten Afghanistan, vor ihnen eine ungewisse Zukunft in Deutschland. Im Gepäck hat die junge Familie nur ihre Erinnerungen an vergangene Tage - und die Hoffnungen auf die Jahre, die kommen mögen. Während der Kalte Krieg und dessen Ausläufer die Welt in Atem halten, wird Laylas erster Sohn in Deutschland geboren. Schon sehr bald muss Layla sich die Frage stellen, was Heimat in Zeiten des Krieges tatsächlich bedeutet, und erkennen, dass der Krieg sie und ihre Familie bis über die Grenzen Deutschlands auf Schritt und Tritt begleitet hat. Wajima Safi verzaubert den Leser mit jeder Zeile auf jeder Seite. Eine außergewöhnliche Erzählung, die ihresgleichen sucht: Melancholisch, opulent, gewaltig!

Dr. Wajima Safi, geboren 1983 in Kabul und aufgewachsen in München, ist Fachärztin für Innere Medizin. Sie absolvierte neben ihrer Promotion ein Studium der Philosophie und der Neueren Deutschen Literatur. Aktuell arbeitet sie im Bereich der Stammzellforschung. Sie lebt in Erlangen und in New York. In ihrer Freizeit begeistert sie sich fürs Reisen und Malen. 'Denn wir waren Krieger' ist ihr Debütroman, in dem sie das gleichermaßen zeitlose wie brandaktuelle Thema von Fremdheit und Flucht schonungslos, doch äußerst raffiniert behandelt.

Die Erinnerungen


Sie zogen in die neue Wohnung. Als Jamal die Wohnung betrat und die Sachen mit ihr und einigen Umzugshelfern aus der Pension einräumte, ging er zielstrebig auf eine Wohnzimmerwand zu, holte einen Klebestreifen und etwas, das wie ein eingerolltes Bild aussah, aus seiner Tasche. Ihr Mann hatte keinen Sinn für Ästhetik. Einrichtungen und optische Feinheiten interessierten ihn nicht, er war schlichtweg blind in Bezug auf passendes Mobiliar. Und ebenjener Mann schien etwas aufhängen zu wollen, während andere keuchend und stöhnend seinen Wohnzimmerschrank mehrere Treppen in die Wohnung hinauftrugen. Layla hielt einen Moment inne und stand schweigend und ratlos hinter ihm und sah ihm zu. Er rollte ein großes weißes Stück Papier aus und klebte es an die Wand. Auf dem Blatt war eine Karte Afghanistans zu sehen. Es war nicht einfach eine Karte, sie war offensichtlich von Hand gemalt, sehr exakt in ihrer Ausführung und gab gleichzeitig in satten Farben die verschiedenen Landschaften und gelegentlich Sehenswürdigkeiten wieder. So war die blaue Moschee von Masar-e-Sharif genauso groß wie die Götzenfiguren aus dem Tal in Bamiyan und der Hindukusch. Es waren die feinsten Details eingezeichnet; es war, als wäre man in dem ganzen Land an allen Orten gleichzeitig. Die Zärtlichkeit aus den Augen des Zeichners war über seine Hand durch den Stift auf das Blatt geflossen. Man konnte nichts derart schön zeichnen, wenn man es nicht liebte.

»Es ist wunderschön«, sagte Layla nahezu unhörbar.

»Ja.« Er betrachtete es betroffen, glücklich, traurig, vermissend, sehnsüchtig und voller Hoffnung.

»Wo hast du es her?«

»Aus Afghanistan mitgebracht.«

Sie sah ihn ungläubig an. Die Karte war mindestens einen Meter auf einen Meter groß, er konnte unmöglich etwas derart Großes mitgebracht haben, ohne dass sie es bemerkte.

»Ach, Unsinn.«

»Doch, wirklich. Ich habe sie für dich mitgebracht. Für uns. Für unser neues Zuhause. In Indien wollte ich es nicht aufhängen. Es war nicht der richtige Moment und nicht der richtige Ort. Aber hier … das ist etwas Anderes. Layla, wir werden bleiben. Wir werden eine lange Zeit bleiben.«

Beide standen sie lange schweigend vor der Wand, an der er ungelenk und schief die Karte befestigt hatte, und starrten entweder sich oder die Karte an, während die anderen hinter ihnen arbeiteten und ihnen ihr Zuhause einrichteten. Keinem der anderen Helfer fiel die Karte trotz ihrer Größe auf, noch bemerkten sie, dass Layla und Jamal sich nicht an dem Umzug beteiligten, sondern nur reglos vor einer Wand standen.

»Ja, Jamal. Aber wir bleiben nicht für immer. Nicht wahr?«

»Nein, natürlich nicht.« Er wagte nicht, sie anzusehen.

»Wer hat es gemalt?« Sie wusste, dass es kein Ausländer war. Nur ein Afghane konnte das gezeichnet haben.

»Anwar.«

»Wer ist das?«

»Mein Schulfreund. Er fertigte Zeichnungen für mich an, dafür ließ ich ihn in den Mathematikprüfungen abschreiben. Er war 15, als er diese Karte für seinen Vater zeichnete. Ich versprach, alle seine Abschlussprüfungen für ihn zu lösen und ihm somit zum Schulabschluss zu verhelfen, wenn er sie mir überließ. Er sagte nein. Er konnte sie mir nicht überlassen, denn sein Vater hatte das Bild bereits gesehen und war offensichtlich gerührt davon. Er war stolz auf Anwar. Ein Gefühl, für das er auf einen Schulabschluss bereit war zu verzichten, der S