: Laura Lay
: Flamingofeuer
: Ulrike Helmer Verlag
: 9783897419513
: 1
: CHF 12.60
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 232
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Sein Erotikroman war ein Bestseller, aber das ist Jahre her. Jetzt steht Leon Walsky vor dem Ruin. Da überrascht ihn eine Unbekannte mit einem Angebot. Sie will ihn für erotische Storys bezahlen, verfasst nach ihren Ideen. Eine literarische Reise ins Begehren beginnt ... 'Flamingofeuer' ist ein Buch im Buch, ein verführerisches Vexierspiel, das mit Witz und Verve Gewissheiten über erotische Rollenbilder zu Fall bringt.

Laura Lay ist das Pseudonym von Antje Wagner. Antje Wagner, 1974 in Wittenberg geboren, ist bekannt für spannungsvolle Romane und Erzählungen für Jugendliche und Erwachsenen. Nach einem Studium der deutschen und amerikanischen Literatur- und Kulturwissenschaften in Potsdam und Manchester leitete sie von 2012 bis 2014 das renommierte Schreibzimmer Prosa am Literaturhaus Frankfurt. Die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGS-ZEITUNG zählte Antje Wagner 2012 zu den '20 besten deutschsprachigen Autoren unter 40 Jahre'.

Gerüchte

Tanya von Rosenfels.

Sobald der Name fiel, gerieten die Gespräche am Lehrertisch kurz ins Stocken und hastige, kleine Blicke wurden gewechselt. Der Name fiel oft. Tanya von Rosenfels war nicht nur an der Schule in aller Munde, sondern auch in der ganzen Stadt.

Jeder kannte sie, zumindest war jeder ihr schon einmal begegnet. Dennoch war sie allen ein Rätsel. Es sei schwer, sie kennenzulernen, hieß es. Angeblich hasste sie Vertraulichkeiten.

»Gestern sah ich sie beim Bäcker«, erzählte die Geschichtslehrerin, während sie ihr Kasseler Steak sorgsam klein schnitt, dann in Soße tunkte und den Blick hob. Das gesamte Lehrerkollegium lauschte interessiert. »Ich hab sofort den Unterschied zwischenhöflich undfreundlich verstanden. – Sie ist reingekommen, hat gegrüßt, hat gelächelt. Ja, höflich. Da kann keiner was sagen. Aber sie war so kalt dabei, meine Güte. Alles, was mir an Small Talk auf der Zunge gelegen hatte, hab ich vor Schreck gleich wieder heruntergeschluckt!« Sie schaufelte sich noch etwas Sauerkraut und ein Stück Kartoffel auf die Gabel und schob sie in den Mund.

Tanya von Rosenfels war neu in Hainburg. Vor Kurzem hatte sie das seit Jahren leerstehende Gutshaus gekauft. Am äußersten Stadtrand. Dort, wo die Felder die Häuser ablösten. Wo der Wald begann. Wo man keine flirrenden Autogeräusche mehr hörte, sondern nur noch den Wind in den Bäumen und die Eichelhäher. Wie man dort hinkam? Man musste die Autobahn verlassen und die Hauptstraße entlangfahren, erst am Einstein-Gymnasium und dann am Bio-Supermarkt vorbei, immer weiter, bis zum Kirchhof, wo die Straße in diesen unscheinbaren alten Feldweg überging. Der mit dem staubigen Ginster an der Seite. Und dieser Weg führte zwei Kilometer über rissige Erde, an Ginster und Disteln, an brachliegendem Bauland und Lagerhallen vorbei, bis man die Auffahrt erreichte. Sie lag immer schattig, diese Auffahrt, weil sie von uralten Linden gesäumt war. Und dort, hinter dem schmiedeeisernen Tor, das mit seinen rostigen Zacken die Luft aufspießte, stand es: das Gutshaus.

Es sei eine Nacht-und-Nebel-Aktion gewesen, hatte der Sportlehrer erzählt. Er und der Makler gingen zusammen ins Fitnessstudio, sie waren seit Jahren befreundet. Sie habe das Haus telefonisch gekauft, einfach so und ohne vorher auch nur einen Blick darauf zu werfen!

Mehrere Wochen lang hatten die Hainburger beobachtet, wie plötzlich Autos verschiedener Handwerkerfirmen durch die Stadt kurvten, irgendwann anhielten und die Fenster herunterließen, um nach dem Anwesen zu fragen.

Erst war das Dach, dann die Elektrik des alten Gebäudes repariert worden. Die Flügelfenster hatten zur Parkseite hin weit offen gestanden, und viele Hainburger hatten wie aus Zufall ihre Sonntagsspaziergänge Richtung Gutshof verlegt und verfolgt, wie die fleckigen Wände erst trockengelegt, dann geweißt und wie die zertretenen Dielen ab