: Sabine Kampermann
: Ikarus fliegt noch Roman
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783962152499
: 1
: CHF 4.50
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 340
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein italienischer Katholik schwängert eine minderjährige Protestantin. Sie wird deshalb im protestantischen Heimatdorf ebenfalls zur Fremden. Ihn tötet die Verachtung der Dorfbewohner, trotzdem gibt sie niemals auf und bewirkt viel Gutes. Die Urenkelin erforscht ihre Familiengeschichte und erkennt: Trotz aller Schicksalsschläge sind die Urgroßeltern kraft ihrer Liebe wie Ikarus geflogen, und das ist bedeutender als der Absturz.

Christine


Am Tag, als Angelo Lombardi starb und Walter Rathenau erschossen wurde, verdorrte südlich der Alpen auf dem Grab von Angelos Babbo der steinalte Granatapfelbaum. Seine einzige Frucht löste sich vom Zweig, fiel zu Boden, platzte auf und färbte die Erde rot.

Angelos Mamma betete dort täglich für das Seelenheil ihrer Söhne. Als sie nun Gott neben der Grabstätte anflehte, entdeckte sie blutende Sandkörner.

Ich starre auf das Papier und lese noch die beiden folgenden Sätze:Starb Angelo an gebrochenem Herzen, oder wurde er wie der jüdische Außenminister ermordet?

Der letzte Satz ist rot unterstrichen:Wenn Mord, wer trägt die Schuld daran?

Aus Versehen zerknittere ich den Papierfetzen mit meinen zittrigen Fingern. Der Zettel ist aus dem Familienalbum gefallen, als ich es aus dem hintersten Winkel des Regals gezogen habe.

Wer hat diese sechs Sätze hingekritzelt? Sie klingen wie ein Romananfang.

Ich glätte den Fetzen und betrachte die verschnörkelte Schrift. Sie gehört einer Frau, nehme ich an, und sie kommt mir vertraut vor, aber ich bin keine Expertin für Handschriften. Zudem ist das Papier alt und die Tinte verblichen.

Ich schnuppere daran, suche den Duft von Papier, doch er ist verschwunden. Die Staubschicht auf dem Fotoalbum hat ihn geschluckt. Ich wische das Album ab und blättere darin. Neben dem Kaiserreich und der Weimarer Republik enthält es Zeugnisse zweier Weltkriege und mindestens einer großen Liebe. Weniger die Kriege erkenne ich in den Bildern, mehr die Liebe. Das Album ist dick, zerfleddert und die Fotos bereits vergilbt. Ein Bild fällt aus den Seiten, ohne Klebstoff auf der Rückseite.

„Mädle, was suchst du bloß in dem alten Kruscht? Wie oft willst du deine Nase da noch hineinstecken?“, ruft meine Mutter in ihrem üblichen gequälten Hochdeutsch aus der Küche.

„Das letzte Mal ist schon lange her“, erwidere ich.

Ein Mädle mit fünfzig Jahren? Nun ja.

„Kannst du nichts Vernünftiges schaffen, Chrischtine?“

Ihre Stimme durchfährt mich wie ein Messer. „Könntest du meinen Namen endlich richtig aussprechen?“, zische ich vor mich hin.

Die Namen meiner Geschwister verschwäbelt sie nicht. Wohl, weil meiner nicht Christian lautet, Michael oder Thomas. Wieder nur ein Mädle, hat meine Mutter bei der Geburt meiner zweiten Tochter gewiss gedacht. Wenigstens hat sie es nicht mit Worten ausgedrückt, nur mit den Augen.

Sie kommt ins Wohnzimmer und nimmt mir gegenüber Platz. „Nutz deine Ar