Prolog
Nürnberg, 20. April 1928
Lydia blieb am Fuß der breiten Treppe stehen, die aus sechs schneeweißen Steinstufen bestand, und stellte ihren kleinen Koffer ab. Ob das Marmor war? Sie hatte noch nie welchen gesehen, aber diese Villa war so groß und prächtig, dass es hier sicher solche kostbaren Dinge gab.
Nervös zupfte sie an ihrem schwarzen Sonntagskleid, das für die außergewöhnliche Hitze des Apriltags viel zu schwer und zu warm war. Sie spürte, wie ihr ein einzelner Schweißtropfen den Rücken hinunterlief. Wenn sie noch lange in der Mittagssonne herumstand, würde sie furchtbar verschwitzt sein, bevor sie auch nur an die Tür geklopft hatte. Sie war hier, um nach einer Stelle zu fragen. Und wer wollte schon ein Hausmädchen, das eine feuchte Spur hinterließ, wenn es sich durch die eleganten Räume bewegte? Ganz bestimmt nicht die wohlhabende Fabrikantenfamilie, die in diesem Haus wohnte.
Zwar hatte Lydia in ihrem mehr als hundert Kilometer entfernten Heimatdorf Ohltal noch nie von den Weißenfels gehört, doch hier in Nürnberg schien jeder die Familie zu kennen. Jedenfalls hatte es sich in dem Gespräch so angehört, das sie auf dem Bahnhofsvorplatz belauscht hatte. Und obwohl sie selten etwas tat, ohne vorher gründlich darüber nachzudenken, hatte sie ihren Zug in Richtung Heimat davonfahren lassen und sich zur Villa durchgefragt.
Es war nicht sonderlich schwierig gewesen herzufinden. Gleich die erste Person, an die sie sich gewandt hatte, eine ältere Frau mit Einkaufskorb, hatte den Wohnsitz der Familie Weißenfels gekannt. Und als sie unterwegs einmal unsicher gewesen war, wo sie abbiegen sollte, konnte ihr ein Lieferjunge, der einen laut quietschenden Holzwagen hinter sich her zerrte, sofort die richtige Richtung weisen.
Obwohl sie ihren Koffer auf der untersten Stufe stehengelassen hatte, kam es ihr vor, als würde sie ein schweres Gewicht die Treppe hinaufschleppen. Dann stand sie vor der Eingangstür aus poliertem Mahagoni, starrte den Türklopfer in Form eines Löwenkopfs an und schaffte es nicht, die Hand zu heben.
Durfte man das überhaupt? Einfach an eine Tür klopfen und nach Arbeit fragen? Wenn sie davongejagt oder auch nur ausgelacht wurde, würde sie vor Verlegenheit im Boden versinken. Andererseits war es mindestens ebenso schlimm, unverrichteter Dinge in ihr Heimatdorf zurückzukehren, nachdem sie von dort aus vor nicht mal zwei Wochen nach Nürnberg aufgebrochen war. Stolz und ein bisschen überheblich, weil sie in der großen Stadt wohnen und aufregende Dinge erleben würde, während alle anderen auf ihren Bauernhöfen im kleinen Ohltal zurückblieben.
Sie hatte sich Nürnberg als einen wunderbaren Ort voller Lichter und freundlicher Menschen vorgestellt. Nicht im Traum wäre sie auf den Gedanken gekommen, die Arbeit als Hausmädchen bei der Familie Staller könnte schwerer sein als das Ausmisten eines Kuhstalls. Das Stellenangebot in der Zeitung hatte sich angehört, als würde sie den ganzen Tag mit einem Staubwedel in der Hand herumlaufen.
Einen Staubwedel hatte sie bei den Stallers nicht zu sehen bekommen. In einer Schlachterei wischte man das Blut mit alten Lumpen auf, womit sie kein Problem hatte. Sie war an harte Arbeit gewöhnt und hatte ihrem Vater schon als Zehnjährige beim Schlachten zur Hand gehen müssen.
Viel schlimmer war das gewesen, was ihr bei den Stallers sonst noch zugestoßen war. Beim Gedanken, zu Hause erzählen zu müssen, was dort geschehen war, wurde ihr übel. Niemals hatte sie mit ihrer Schwester Ottilie über solche Dinge gesprochen. In ihrem Dorf redeten die Leute nicht über so was. Natürlich kannte ihre Schwester sich aus. Schließlich war sie seit über einem Jahr verheiratet. Aber das bedeutete nicht, dass Ottilie und Lydia über unanständige Dinge sprachen wie über das Wetter von morgen.
Entschlossen griff Lydia nach dem Türklopfer. Wenn es i