Kapitel 1
London, 1985
BIS ZU JENEM FRÜHLING HATTE SICH FRANCESCA ERFOLGREICH eingeredet, sie sei nicht unglücklicher als alle anderen auch. Dann aber kam es zur Krise. Es begann an jenem Nachmittag im März.
In den Inner Temple Gardens hatten gerade die Magnolien zu blühen begonnen. Sie eilte über das unebene Pflaster auf die Makepeace Buildings zu. Sie versuchte noch schneller zu gehen und fluchte, als sie mit ihren hohen Absätzen in den Ritzen zwischen den Steinplatten steckenblieb. Immer war sie spät dran. Wenn sie nur mehr Zeit hätte, um sich auf ihre Fälle zu konzentrieren, würde sie vielleicht eine bessere Anwältin werden. Wenn sie sich mehr auf William konzentrieren könnte, wäre sie auch eine bessere Ehefrau. Zumindest war das seine Meinung.
Oben am King’s Bench Walk kreuzten zwei andere Anwälte ihren Weg und steuerten auf die Bibliothek zu. Der eine war Rupert Barbour, der bestaussehende ihrer männlichen Kollegen in der Kanzlei. Er nickte. Sie lächelte. Nicht, daß er ihr besonders sympathisch gewesen wäre. Er war ein aufgeblasener Snob, aber man mußte sich schließlich professionell verhalten. Sein Begleiter grinste sie breit an und murmelte Rupert dann etwas zu, woraufhin dieser zischte: «Du spinnst wohl. Das ist Eastgates Frau.» Francesca lächelte ein zweites Mal. Diesmal galt ihr Lächeln Ruperts Begleiter. Was kostete schon ein Lächeln? Man konnte nie wissen, wann einem jemand von Nutzen sein würde. Das jedenfalls war Williams Philosophie.
Francesca wirkte wie eine seltsame Mischung aus Rebellin und Madonna. Ihr glänzendes, mahagonifarbenes Haar, das eine wogende Mähne verführerischer Locken hätte sein können, hatte sie zu einem braven Schulmädchenzopf geflochten. Ihre Teddybäraugen, die so sanft, warm und braun waren, blickten streng unter geraden Augenbrauen hervor. Ihre Haut war sehr blaß, beinahe schon zu blaß. Wenn sie nervös war, färbte sich die Partie um ihre Augen herum purpurrot. Francesca war, was Make-up anging, sehr zurückhaltend. Sie verwendete lediglich etwas Mascara und einen Hauch rosa Lip gloss. Der Duft, den sie trug, war zitronig, leicht und neutral. Ihr schwarzes Kostüm jedoch, die Uniform aller Anwältinnen, verriet eine unterschwellige Sinnlichkeit. Sie mochte figurbetonte Jacketts und enge Röcke. Ihr Gang hatte eine ungezwungene Grazie, doch trat jemand auf sie zu, besonders wenn es sich dabei um einen Fremden handelte, dann hielt sie sich sehr gerade und wirkte dadurch ein wenig steif. Allgemein galt sie als arrogant. Nur wenn sie sich über etwas amüsierte, offenbarte sie ihre andere Seite. Dann nämlich warf sie den Kopf zurück und gab ein tiefes, kehliges, laszives Lachen von sich.
Sie teilte sich mit zehn anderen Anwälten eine Reihe von Büros in den Makepeace Buildings, die man nach dem Schriftsteller William Makepeace Thackeray benannt hatte, der in der Nähe des Inns gewohnt hatte. Die Gebäude bestanden aus dunkelrotem Backstein, der an diesem Nachmittag langsam einen ockerfarbenen Goldton annahm, während die Glasscheiben der weißgestrichenen Schiebefenster im Schein der untergehenden Sonne wie flüssiges Feuer glühten. Das Licht umspielte die zartrosa Blütenkelche der Magnolien, die ihre Kandelaber durch die Eisengitter reckten. Es warf kühle Schatten auf den Bürgersteig, wo Blütenblätter zertreten auf den Steinplatten lagen. France