1. Kapitel
Frankfurt, 1845
Mit Politik haben wir nichts am Hut«, erklärte Wilhelmine Pfaff und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Sie stand in Frankfurt am Main vor dem Haus Großer Hirschgraben 4 und funkelte Joseph Rütten verärgert an. »Das lohnt die Mühe kaum, und Ärger gibt es obendrein.« Um ihre Meinung zu bekräftigen, verschränkte sie die Arme vor der Brust, so dass das blaue Tuchkleid ein wenig in die Höhe rutschte. An Sonn- und Feiertagen trug sie einen Reifrock und ein wunderbar geschnittenes Kleid, oben eng und unten weit, das sich über dem Reifrock bauschte. Auch steckte sie sich das volle braune Haar hoch und drehte sich Löckchen in die Strähnen, die ihr Gesicht umrahmten. Aber heute war Donnerstag und also nicht einmal Markttag, und mit ihrem Reifrock würde sie am Ende noch in die Gewindepresse geraten oder sich mit der Druckerfarbe beschmutzen. Sie hatte zugenommen in der letzten Zeit, doch das störte sie nicht, weil es Walther nicht störte. Selbst das Salzweib, das auf jedem kleinen Fehler endlos herumhackte, hatte nur gesagt: »Da habt Ihr was zum Zusetzen, wenn Ihr mal krank werdet.« Im Augenblick tat die Haushälterin so, als würde sie die Fensterbretter in der Wohnstube der Pfaffs sauber wischen, dabei wusste jeder, der Frau Salzmann kannte, dass sie dort nur wischte, um zu hören, was die Pfaffin mit dem Verleger Joseph Rütten zu besprechen hatte.
»Jetzt seid doch nicht so hartherzig, Wilhelmine, wir kennen uns nun schon so lange. Wir sind Nachbarn, die Literarische Anstalt Rütten und Loewenthal liegt Eurer Druckerei genau gegenüber. Und wir sind wirklich in Not. Ihr braucht die Schriften ja auch gar nicht zu lesen, sondern nur zu drucken.« Rütten schob sich das schon ein wenig schüttere, dunkle Haar aus der Stirn und fuhr mit dem Finger in den engen Kragen, als würde ihm die Luft abgeschnürt.
»Damit wir die Obrigkeit an den Hals kriegen?« Wilhelmine Pfaff schüttelte den Kopf. »Und damit wir dieselben Schwierigkeiten bekommen wie Ihr mit Euren wirrköpfigen Freunden? Außerdem müssen die Sachen gesetzt werden, und das kann man nun mal nicht mit zugekniffenen Augen.«
»Nur dieses eine Mal!«
Wilhelmine seufzte. Ihr ging es gar nicht gut. Es fühlte sich an, als würde sie eine kräftige Erkältung bekommen. Zum Streiten fehlte ihr die Kraft. Sie wusste genau, dass der Verleger Joseph Rütten zu ihrem Mann ging, ihn ins nächste Gasthaus lockte und dort um den Finger wickelte. Wenn sie jetzt ja sagte, bliebe ihrem Mann ein Besäufnis erspart. Doch sie schüttelte erneut den Kopf, denn die Pfaffin war eine kluge Frau. Walther Pfaff würde nichts sagen, wenn sie wieder einmal die Geschäfte an sich riss, doch Wilhelmine wusste, dass er heimlich darüber seu