Freising
Eine Horde Soldaten marschierte durchs Wohnzimmer. Ihre donnernden Schritte ließen den Boden erbeben.
Zumindest schien es Alexa so, die gerade vom Tennistraining nach Hause gekommen war und im Vorraum ihren Anorak in der Garderobe verstaute. Die Geräuschkulisse, die jetzt in ein Pfeifen und Jubeln überging, war ihr mittlerweile nur allzu vertraut. Seit ihr Partner vor acht JahrenWorld of Warcraftfür sich entdeckt hatte, verging kaum ein Wochenende, an dem er nicht ein weiteres Level zu erklimmen und seine Ausrüstung zu verbessern versuchte.
Alexa hatte es aufgegeben, Andis Leidenschaft für digitale Charaktere wie Elfen, Zwerge und Trolle verstehen zu wollen. Seinen anfänglichen Versuchen, sie zum Mitspielen zu bewegen, hatte ihr Referendariat am Landgericht Würzburg ein Ende gesetzt. Es folgten ein paar Monate an der deutsch-chilenischen Handelskammer in Santiago di Chile. Als sie danach für die Vorbereitung auf das zweite Staatsexamen nach Freising und damit in die gemeinsame Wohnung im Obergeschoss von Andis Elternhaus zurückgekehrt war, spielte dieser bereits auf einem Level, das sie unschwer erraten ließ, womit er die Zeit während ihrer Abwesenheit vorwiegend verbracht hatte.
Jetzt saßen sich Andi und sein bester Freund Tom am Esstisch gegenüber, ihre Notebooks vor sich, je eine Flasche Bier daneben, die Augen konzentriert auf die Monitore gerichtet. In der Mitte des Tisches stand eine große Schüssel, in der zwei übriggebliebene Nachos davon zeugten, dass offenbar auch Bildschirm-Schlachten hungrig machten.
»Zahnärzte in ihrer Freizeit«, kommentierte Alexa süffisant, während sie sich in der zum Wohnbereich offenen Küche ein Glas Mineralwasser einschenkte. »Möchte mal wissen, was ihr tätet, wenn das Wlan ausfällt!«
»Oh! Hallo, Schatz!« Der Rotschopf hob den Kopf und grinste sie an. Die makellose Zahnreihe machte seinem Berufsstand alle Ehre. »Hab dich gar nicht bemerkt …«
»Kann ich mir vorstellen«, erwiderte sie, während sie ihm über die Schulter schaute. Durch graubraune Felslandschaften mit Schluchten und Erdlöchern hüpfte eine bunte Fantasy-Gestalt, die von einer anderen gejagt wurde.
»Mensch, fuck!«, kam es vom Gegenüber, als der Jäger sein Opfer einholte. »Fuck, fuck, fuck! Schon wieder!«
Tom schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Andi lachte schadenfroh. Dann klickte er auf den Pause-Button und ließ das Bild erstarren.
»Würde sagen, der Sieg geht heute klar an mich«, stellte er fest, während er sich nun erhob, um Alexa mit einem Kuss zu begrüßen. Sie wich ihm geschmeidig aus.
»Ich bin verschwitzt. Muss erst unter die Dusche.«
»Ähm. Hi, Alexa.« Tom, mit dem Andi seit dem ersten Semester Zahnmedizin um die Häuser gezogen war, hatte sich wieder beruhigt und prostete ihr mit seinem Bier zu. »Ich hoffe, du warst beim Tennis heute erfolgreicher als ich hier …«
»Ich kann nicht klagen