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Sprotte trat wie wild in die Pedale. Und wenn sie noch so keuchte und ihr jeder Atemzug in die Lunge stach, sie wollte weg. Nur weg. Wegfahren und nirgends ankommen. Einfach nur fahren. Sprotte musste einer dicken Frau auf Rollerblades ausweichen. Ein Auto hupte. Sprotte fuhr vorbei an den Altglascontainern, ein Stück auf dem Gehweg, quer über den Spielplatz und stand schließlich vor ihrer Haustür. Das Fahrrad hatte den Heimweg ganz allein gefunden. Ich hasse die Liebe, dachte Sprotte, als sie ihr Fahrrad abstellte. Und ich hasse Fred. Sprotte verdrehte die Zahlenringe an ihrem Fahrradschloss. Dann bin ich eben eine Jungshasserin, na und?! Sie rannte die Treppe hoch zu ihrer Wohnung. Und ich hasse mich selbst, dachte sie, drückte die Tür auf und hielt die Luft an. Sprotte presste sich an die schmale Wand neben der Küchentür und linste hinein. Und ich hasse, dass ich so schlecht in Englisch bin, murmelte die Stimme in ihrem Kopf. Sprotte atmete durch, schob die Küchentür auf und begrüßte ihre Lehrerin, die mit Sprottes Mutter am Tisch saß. »Hallo, Frau Rose, Mam.«
Frau Rose und Sprottes Mutter sahen sie eine Sekunde wortlos an.
»Es gibt Moussaka«, sagte Sprottes Mutter schließlich und holte eine Aluform aus dem Backrohr. Frau Rose lächelte nur, wie sie immer lächelte, irgendwie klug und geduldig.
»Musst du mir was Unangenehmes beibringen, Mam?« Sprotte redete einfach drauflos. »Oder warum hast du mitten in der Woche Essen beim Griechen geholt?!« Sie verschränkte trotzig die Arme und versuchte, die Anwesenheit ihrer Lehrerin zu ignorieren. »Ich soll Oma wohl wieder mal beim Umgraben helfen? Oder unser Kellerabteil aufräumen? Oder …«
»Das Essen hat Frau Rose mitgebracht.« Sprottes Mutter kramte in der Schublade nach einer Bratschaufel.
Sprotte sah prüfend in Frau Roses Augen. Wahrscheinlich war die Geduld ihrer Lehrerin jetzt gleich aufgebraucht. Sprotte wollte sich nichts anmerken lassen und machte auf lässig. »Die Fünf in Englisch war immerhin schon besser als die Sechs beim letzten Mal.«
Frau Rose nahm schnell ein Küchentuch und hielt damit die heiße Aluform fest, aus der Sprottes Mutter die erste Portion Moussaka hievte.
»Ich brauche keine Nachhilfe, Mam.« Sprotte konnte nicht anders, als ihrer Mutter die Teller anzureichen. »Frieda hilft mir.«
»Es geht gar nicht um Englisch. Auch wenn du dir das mit der Nachhilfe überlegen solltest.« Frau Rose wischte mit dem Küchentuch einen Moussakafleck von der Tischplatte. »Es geht um unsere Klassenfahrt.« Frau Roses Blick wanderte zu Sprottes Mutter. Die drückte Sprotte Besteck in die Hand. »Iss, sonst wird es kalt.«
Sprotte fühlte mit der Hand nach dem kleinen Kompass in ihrer Hosentasche. Ein Kompass soll einem die richtige Richtung zeigen, Sprotte aber war jetzt restlos verwirrt.
»Ich komm mit auf Klassenfahrt.« Ihre Mutter klang begeistert. »Ich fahr den Bus!«
»Wie bitte?«, fragte Sprotte. Dabei hatte sie jedes Wort verstanden. Jedes der Worte, die das Fass in ihr jetzt zum Überlaufen brachten.
Frau Rose rückte mit ihrem Stuhl näher. »Umberto kann uns nicht fahren, er muss zu Hause bleiben.«
»Seine Frau hat gestern ihr Baby drei Wochen zu früh bekommen.« Sprottes Mutter setzte sich jetzt ebenfalls. »Endlich kommt mein Führerschein Klasse D zum Einsatz.«
Als vor zwei Jahren das Taxigeschäft nicht so gut lief, wollte der Boss von Sprottes Mutter auf Kaffeefahrten umstellen und seine Fahrer mussten alle den Busführerschein machen.
Sprotte sah,