: Marisa Brand
: Die Tarotspielerin/Das Geheimnis der Tarotspielerin/Das Tarot der Engel - Drei Romane in einem Band
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783962152246
: 1
: CHF 5.40
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 1200
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Tarotspielerin Köln, 1527. Für die schöne Kaufmannstochter Sidonia van Berck scheint sich ein Traum zu erfüllen: Sie soll den Ritter Adrian von Löwenstein heiraten. Doch alles kommt anders, als der durchtriebene Bruder Adrians Sidonia eine Falle stellt. Statt eines herrschaftlichen Lebens erwartet die junge, eigensinnige Frau nun ein erbitterter Kampf ums Überleben, der sie auf den Spuren der Jakobspilger bis nach Spanien führt. Ihren Weg begleiten der geheimnisvolle Lautenspieler Gabriel und das stumme Mädchen Lunetta, das schon bald in den Tarotkarten sieht, welch große Gefahr auf sie alle wartet ... Das Geheimnis der Tarotspielerin Köln, 1535. Sidonia, Kaufmannstochter und Frau des Arztes Gabriel, ist verzweifelt: Nach einer Fehlgeburt wird sie nicht wieder schwanger. Die Hoffnung, seiner Frau helfen zu können, wenn er nur mehr über den weiblichen Körper wüsste, treibt Gabriel dazu, heimlich tote Huren und Bettlerinnen zu obduzieren. Doch als eine Frau tot und grauenhaft zugerichtet aufgefunden wird, gerät Gabriel plötzlich unter Verdacht, und Sidonias geheimnisvolle jüngere Freundin Lunetta scheint mehr zu wissen, als sie preisgibt. Denn sie hat das zweite Gesicht ... Das Tarot der Engel London 1553. Mitten in der Nacht, im Irrenhaus von Newgate, in dem Geisteskranke als skurrile Attraktionen gefangen gehalten werden. Unter ihnen der Seher Enoch, der das Tarot der Engel beherrscht und die Zukunft Britanniens kennt. Er weissagt, dass Edward VI. bald sterben und eine Frau den Thron einnehmen wird. Zur gleichen Zeit verführt ein Graf die geheimnisvolle Cass, um sie über den Gesundheitszustand des Königs und die Pläne seines größten Konkurrenten auszuhorchen. Tage später wird die junge Frau bewusstlos am Ufer der Themse angeschwemmt. Was macht sie für den Hof so gefährlich?

Die Autorin Marisa Brand wurde 1960 geboren und studierte deutsche und englische Literatur mit dem Schwerpunkt Mittelalter und Philosophie. Anschließend war sie in verschiedenen Berufen tätig, so als Dramaturgin am Kölner Schauspielhaus, Redakteurin einer Tageszeitung, Dozentin für Frauengeschichte und als Drehbuchautorin.

Erster Teil


Köln anno domini 1527, vor Pfingsten

Keiner ist dem Glauben ferner

und der Versuchung näherñ

als jener, der sich für sehr fromm hält.

Erasmus von Rotterdam

1


Glutrot beendete eine heiße Junisonne ihren Tageslauf. Triumphierend überglänzte ihr verlöschendes Licht die Bleidächer der Kathedralen, Kirchen und Klöster, von denen es in Köln mehr gab, als das Jahr Tage hat. Selbst die Gassen der Gerber und Kadaversammler hatte sie getrocknet und den Gestank von Fäulnis mit dem Duft von Rosen gemischt. Golden verweilten letzte Strahlen auf der Westfassade des Doms, während die Rheinfront der Reichsstadt bereits im Dunkeln lag. Ein knochenweißer Mond kündigte über dem Hafen die Nacht an.

Angeekelt raffte Sidonia van Berck ihren Rock, übersprang ein Häufchen Fischabfälle und wollte durch eine Mauerpforte in das Gewimmel am Hafen eintauchen. Am Ende des Durchgangs verstellte ihr ein Torwächter den Weg.

»Heda, Dirne, umsonst kommst du mir um diese Stunde nicht auf den Kai! Lass ein paar Münzen springen, dann kannst du dir einen Freier suchen, den sein Hosenteufel juckt.«

»Ich bin keine Hure. Was fällt dir ein, so mit mir zu reden!« Sidonia van Berck trat nach dem Handwerksburschen. Pah, in den Waffenschmieden ihres Vaters würde man diesen übel riechenden Gerbergesellen mit der Feuerzange verprügeln. Sie war eine reiche Bürgerstochter und keine Pfennigshure! Danach sah sie auch in ihrer Verkleidung als Magd sicher nicht aus.

»Was auch immer du bist«, blaffte der Wächter, »wenn du in der Dämmerung am Hafen rumstrolchen willst, gib mir drei Fettmännchen. Der Nachtdienst macht durstig.«

Johlend bekundete eine zerlumpte Vettel, die neben der Pforte auf einem Fässchen hockte, ihre Zustimmung. »Für drei Fettmännchen trinkste dich bei mir bis zur Seligkeit, guter Mann. Ich hab Bilsenkraut und ‘ne Prise Tollkirsche in mein Bier gemischt. Nun zahl schon, du Dirne, wirst das Geld mit deinen Lustäpfelchen rasch wieder eintreiben.«

Sidonia stemmte die Arme in die Hüften. Drei Kupfermünzen waren ein lächerlicher Betrag für sie, aber hier ging es um ihre Ehre. Besser gesagt um die Ehre einer Magd. Aber nun, selbst im Kostüm einer Magd fand Sidonia sich mehr wert als drei Fettmännchen, die kleinste Kölner Münzeinheit. Bah, was für Gelichter hier herumlungerte, um Geschäfte zu treiben!

Der Rat hatte in der Woche vor dem fünftägigen Pfingstfest die Torschlusszeiten am Hafen verlängert. Spät eintreffende Fernhändler, Pilger, Gaukler und Krämer sollten Gelegenheit haben, in der Stadt Quartier zu suchen. In Dreierreihen lagen Plattbodenschiffe, Lastkähne, Niederländer- und Oberländersegler bis in die Strömung des Flusses, bewimpelt mit Fahnen aus Ländern vom fernen Baltikum bis zum stolzen Flandern. So sicher wie der Nordpol eine Kompassnadel zogen die Schiffe die Winkelhuren genauso an wie vornehm geschminkte Liebesdamen, Bettler, Ruderknechte und heimliche Geldwechsler. Gelichter, mit dem Sidonia nichts gemein hatte. Wütend funkelte sie den Gerber an.

»Lass mich durch. Ich bin ein anständiges Mädchen, du Lausewanz.«

»Was willst du dann hier, Weib?« Mit scharfer Stimme unterbrach ein Kölner Stadtsoldat das Gezänk.

Sidonia wirbelte herum und erschrak beim Anblick seiner Rüstung und der Hellebarde, die den Werkstätten ihres Vaters entstammte. Verflixt! Sie hatte doch eine Mauerpforte beim Lasthafen gewählt, um keinem der geharnischten Wächter zu begegnen, die die großen Torburgen bewachten. Warum war dieser Kerl nicht am Haupthafen hinter dem Dom auf Posten? Dort legten im Dämmerlicht Kauffahrtschiffe der Fernhändler und Koefs aus den Niederlanden an, beladen mit kostbarer Fracht für die Pfingstmärkte.

Egal, nun war Vorsicht geboten. Sidonia zauberte einen flehenden Blick in ihre gelbgrünen Augen und zog das Kopftuch tiefer, unter dem sie ihren mit Perlen durchflochtenen rotblonden Haarkranz verbarg.

»Guter Mann, dieser Kerl will mir den Zutritt zum Kai verwehren. Außerdem verlangt er Geld mit der Behauptung, ich sei eine, eine ...«, sie ho