Einem Mantra gleich pocht der Gedanke in meinem Kopf: Ich bringe dich um, Mona. Doch – habe ich das tatsächlich getan? Trotz aller Zweifel werde ich für den Rest meines Daseins mit dieser vermeintlichen Schuld leben müssen.
Heute stehe ich an deinem Grab, Mona, todunglücklich. Zum ersten Mal löse ich das Versprechen ein, das ich mir gegeben habe, nämlich dich am Tag vor dem Heiligen Abend, deinem Todestag, zu besuchen. Ein Hauch von Frühling schwebt in der Luft. Vor einem Jahr war die gleiche Landschaft tief verschneit.
Plötzlich spüre ich, wie mir eisig kalt wird. Ich vermag mich nicht mehr gegen die Gewissheit auflehnen, dass das, was da zwischen uns gewesen ist, vielleicht doch eine Liebe war, eben eine besondere Art von Liebe. Du bist eine anima candida gewesen, Mona. Und es ist mir schließlich unerträglich geworden, mit einer reinen Seele zusammen zu sein.
Ich lebe mit dem Widerspruch, mich als Mörder zu empfinden und gleichzeitig ernsthaft daran zu zweifeln. Es ist einfach so, dass ich nicht mit letzter Sicherheit sagen kann, ob ich es war, der dich als Tote in den Schnee vor die Kapelle Lamm Gottes setzte.
Vor meinem Laptop am Schreibtisch brütend, fast verzweifelt, bin ich nicht in der Lage, auch nur einen vernünftigen Satz zu denken, ergo auch nicht niederzuschreiben. Wieder springe ich auf, laufe durch das Zimmer, immer hin und her, als ein hilfloser Gefangener in einer unwirklichen Wirklichkeit, stehe am Fenster, schaue auf die ruhige Straße vor meinem Haus. Meine Zeit ist ein einziger Missklang. Ich bin total durcheinander, stehe nicht nur einmal neben mir, ich vervielfältige mich in meiner zügellosen Hysterie. Ist das, was ich wahrnehme um mich herum, denke oder mir vorstelle, überhaupt real, oder doch eher das wirre Spiegelbild meines total durcheinandergeratenen Geistes?
Mit einem leichten Schwindelgefühl fing es an, dachte ich an dich, Mona. Zunächst nahm ich das gar nicht richtig wahr, danach nicht ernst. Heimtückisch leise griff diese Verwirrung auf Samtpfötchen an. Ich hatte Angst, diese Unordnung im Kopf könne so stark werden, dass sie mich irgendwann über die Grenze der Vernunft schieben würde.
Ich muss durchatmen, ruhiger werden, Struktur in mein wirres Gestammel bringen.
Als Schriftsteller habe ich einen Bekanntheitsgrad, der es mir erlaubt von meinem Schreiben zu leben und der mir Gelegenheit gibt, immer wieder kreuz und quer durch unser Land zu reisen, um ein neues Buch dem Publikum vorzustellen. Das ist für mich eine willkommene Möglichkeit, mit meinen Lesern in Kontakt zu treten. Und so habe ich dich, Mona, kennengelernt.
Der Verlag brachte meinen ersten Roman in einer Neuauflage heraus, und darum war ich auf Lese-Tour.
Mona, du bist mir durch deine attraktive Erscheinung und vor allem durch die Modulation und die Klangfarbe deiner Stimme aufgefallen, als du nach der Lesung die intelligentesten Fragen stelltest. Im Vorraum bleiben wir noch so lange stehen und unterhalten uns, du hast mir flüsternd