: Vernor Vinge
: Gestrandet in der Realzeit Roman
: Heyne Verlag
: 9783641228972
: 1
: CHF 2.70
:
: Science Fiction
: German
Ein jahrtausendealter Mord

Fünfzig Millionen Jahre in der Zukunft: Die blasenartigen Sphären, in denen die Menschen seit dem 22. Jahrhundert alle „unliebsamen Elemente“ eingesperrt haben, platzen nach und nach und entlassen ihre Bewohner wieder in die Normalzeit. Doch das, was sie außerhalb der Sphären erwartet, ist ein herber Schock: die Menschen auf der Erde sind verschwunden! Waren es Aliens? Oder haben sie die Menschen in einem gewaltigen Krieg selbst vernichtet? Kam es zu einer Singularität, die irgendwie von den Blasen verursacht worden ist? Will Brierson war Polizist, der von einem Verbrecher in einer dieser Blasen eingesperrt wurde. Jetzt wird er von den letzten Menschen beauftragt, einen Jahrtausende alten Mordfall zu lösen: eine Frau namens Marta Korolev wurde getötet, etwa zu der Zeit, als die Menschen verschwunden sind. Ihr Tagebuch könnte nicht nur Aufschluss über ihren Mörder geben, sondern auch darüber, was mit der Erde passiert ist …

Vernor Vinge, 1944 in Wisconsin geboren, ist einer der bedeutendsten Science-Fiction-Autoren der Gegenwart. Sein Roman »Ein Feuer auf der Tiefe«, für den er mit dem Hugo Award ausgezeichnet wurde, und die Fortsetzung »Eine Tiefe am Himmel« zählen zu den einflussreichsten Science-Fiction-Werken der letzten zwanzig Jahre. Vernor Vinge ist außerdem ein bekannter Mathematiker und Informatiker, der mit seinen Studien zur Künstlichen Intelligenz für großes Aufsehen gesorgt hat. Er lehrt an der San Diego State University in Kalifornien.

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Jeder stimmte mit Marta darin überein, die Show sei eindrucksvoll gewesen. Vielen war jedoch nicht klar, dass die »Show« nicht mit dem einen nachmittäglichen Feuerwerk endete. Eine ganze Reihe von ›Zugaben‹ würde folgen, und sie würden eher scheußlich als eindrucksvoll sein.

Bei der Rettungsaktion war ungefähr hundertmal so viel Energie freigesetzt worden wie beim Ausbruch des Krakatau im 19. Jahrhundert. Milliarden Tonnen Asche und Gestein wurden an diesem Nachmittag in die Stratosphäre geschleudert. Die Sonne war in den folgenden Tagen ein seltener Anblick und schimmerte bestenfalls als trübe rötliche Scheibe durch die Dunkelheit. In Korolew war der Boden jeden Morgen von einer dicken Eisschicht bedeckt. Die Fast-Jakarandas welkten und starben. Ihre Spinnenfamilien waren entweder tot oder hatten sich in Höhlen verkrochen. Sogar in dem Dschungel entlang der Küste stieg die Temperatur jetzt kaum noch über vierzehn Grad.

Es regnete beinahe den ganzen Tag – aber kein Wasser: Der Staub setzte sich ab. Wenn er trocken herunterkam, war er wie graubrauner Schnee und sammelte sich zu obszönen Wehen auf Häusern und Bäumen und den Körpern kleiner Tiere. Die Neumexikaner lernten um den Preis des letzten ihrer Jetkopter, was Steinstaub Turbinen antun kann. Noch schlimmer war es, wenn der Staub nass herunterkam, eine schwarze Flüssigkeit, die die Wehen in Schlamm verwandelte. Es war ein geringer Trost, dass die Bomben sauber waren und der Staub ein »natürliches Produkt« darstellte.

Korolew-Roboter bauten schnell eine neue Einschienenbahn. Wil und die Dasgupta-Brüder machten einen Ausflug zum Meer hinunter.

Die Dünen waren verschwunden, von der Flutwelle des Rettungstages landeinwärts getrieben. Die Bäume südlich der Dünen lagen flach am Boden und zeigten sämtlich vom Meer weg. Nirgendwo war Grün zu sehen; alles war mit Asche bedeckt. Sogar auf dem Meer schwamm eine schaumige Schicht. Wie durch ein Wunder waren noch ein paar Fischeraffen am Leben. Wil sah kleine Gruppen am Strand, die sich gegenseitig die Asche aus dem Fell putzten. Sie verbrachten die meiste Zeit im Wasser, das immer noch warm war.

Die Rettung selbst war ein einwandfreier Erfolg. Die Blase der Friedensbeamten saß jetzt auf der Oberfläche. Am dritten Tag nach der Detonation besuchte ein Korolew-Flieger den Standort. Die Bilder, die er übertrug, waren überwältigend. Sturmwinde, immer noch mit Asche befrachtet, rasten über graues, verkrustetes Land. Durch ein Netzwerk von Ritzen in dem Schorf glühte es orangerot. Im Mittelpunkt dieses langsam gefrierenden Steinsees saß eine perfekte Sphäre, die Blase. Sie ragte zu zwei Dritteln aus dem Fels hervor. Natürlich entstellte kein Kratzer, keine Delle ihre Oberfläche. Keine Spur von Asche oder Stein war an ihr hängengeblieben. Sie war in der Tat beinahe unsichtbar. Ihre spiegelnde Oberfläche reflektierte die sie umgebende Landschaft und zeigte das Netz von glühenden Rissen, die in der Ferne im Nebel verschwanden.

Eine typische Blase an einem untypischen Ort.

»Es geht alles vorüber.« Das war eine beliebte Redensart von Rohan Dasguptas. In wenigen Monaten würde der geschmolzene See überfroren sein, und ein Mensch konnte ungeschützt bis zu der Blase hinübergehen. Etwa um die gleiche Zeit endeten dann die Verdunkelung und der Schlammregen. Für die nächsten paar Jahre waren prachtvolle Sonnenuntergänge und ungewöhnlich kühles Wetter zu erwarten. Verwundete Bäume erholten sich. Sämlinge ersetzten die, die gestorben waren. In einem Jahrhundert oder in zweien hatte die Natur diese Beleidigung vergessen, und die Beamtenblase spiegelte grünen Wald wider.

Aber es würde noch unbekannte Jahrtausende dauern, bis die Blase platzte und sich die Männer und Frauen darin der Kolonie anschließen konnten.

Wie üblich hatten die