Kapitel 1
Goslar, März 1069 n. Chr.
Die Flamme am Ende des Dochtes kämpfte tapfer gegen die Finsternis des Gemachs an. Sie erleuchtete die unebenen Steinwände und die Tischplatte, auf der schimmernder Schmuck achtlos verteilt lag. Geheimnisvoll glühten die Rubine, Amethyste und Smaragde und flüsterten trügerisch von Sorglosigkeit und Glück.
Doch tiefe Schluchzer der jungen Königin Bertha ließen sie erzittern, sodass sie sich immer wieder zusammenzog, als würde sie sterben. Aber sie erwachte jedes Mal aufs Neue und fraß sich durch die Kerze, verwandelte das Wachs zu klarem Gold.
Vor Berthas Augen verschwamm die Flamme, wodurch das Licht einem Strahlenkranz glich. Bitternis bedrückte die Königin, kroch in ihre Kehle und wurde zu einem schweren Stein. Bertha hasste ihr Leben. Nur wenn sie allein war, ließ sie ihren Gefühlen freien Lauf. In Gesellschaft musste sie sie hinter dicken Mauern verbergen, durfte sich ihre Verletzlichkeit und Einsamkeit nicht anmerken lassen. Ja, sie war einsam – so einsam, dass ihr Herz allmählich verkümmerte.
Bertha war eine Gefangene ihres Standes, eine Gefangene des Königshofs … eine Königin im Schatten. Tränen zogen Spuren über ihre Wangen und hinterließen einen salzigen Geschmack auf ihren Lippen.
Lärm ertönte auf dem Gang vor ihrer Tür. Schritte und Gelächter. Doch die fröhlichen Stimmen bedrückten ihr Herz nur noch mehr. Ihr Gemahl, König Heinrich IV., begab sich mit seinen Kebsweibern in das gegenüberliegende Gemach, getrieben von der Begierde seiner Jugend, von der Ruchlosigkeit seines Charakters. Dies war fast jeden Abend so. Sein Handeln demütigte Bertha, obwohl es ihr aufgrund seiner Unberechenbarkeit ganz recht war, dass er nicht ihr Bett aufsuchte. Er hatte es noch nie getan.
Als sie vier und er fünf Jahre alt gewesen waren, hatte man sie miteinander verlobt. Sie war die Tochter des Grafen Otto von Savoyen und der Adelheid von Susa. Kaiser Heinrich III. hatte die Verlobung zwischen seinem Sohn und ihr eingefädelt, weil ihm diese Verbindung einen freien Weg über die Alpenpässe von Burgund nach Italien gesichert hatte. Somit war er nicht mehr auf die Wege über die Alpen angewiesen gewesen, die im Machtbereich seines jahrelangen Feindes Gottfried dem Bärtigen lagen. Seitdem hatte Bertha am Königshof gelebt und eine hervorragende Erziehung genossen. Doch was nützte dies? Heinrich mied sie, als ob sie die Krätze hätte. Schon als Kind hatte er sie nicht ausstehen können. Dabei war sie klug und hübsch. Weizenblonde Haare umrahmten ihr Gesicht mit den dunkelblauen großen Augen. Ihre Nase war klein, und die Lippen waren schön geschwungen. Bertha war sich sicher, dass er sie noch nie bewusst angeschaut hatte, sondern in ihr noch immer das zickige Mädchen sah, das ihn so oft als Rache für seine Hänseleien und Gemeinheiten gekratzt und einmal sogar gebissen hatte.
Nun waren er achtzehn und sie siebzehn Jahre alt, und am Hof tuschelte man bereits hinter vorgehaltener Hand, da sie noch immer kinderlos waren. Doch wie sollte sich dieses ändern? Sehr deutlich zeigte er ihr, dass er sie als Weib nicht wollte, und sie spürte, dass er nach einem Weg suchte, sie loszuwerden. Er ließ sogar ihre Tür unbewacht, als hoffte er, dass sich jemand in eindeutigen Absichten Zugang verschaffte, und er sie dann verstoßen konnte.
Der einzige Grund, aus dem er sie vor drei Jahren geheiratet hatte, war aus Respekt vor seinem verstorbenen Vater – und weil seine Ratgeber und seine Mutter ihn dazu gedrängt hatten.
Heinrich war zumeist wortkarg, brutal, ausschweifend, wetterwendisch, oft krank und dennoch zäh. Es ekelte sie an, dass er mit seinen Freunden nachts in den Dörfern umherstreunte und die Töchter und Weiber der Bauern schändete. Am Hof wurde dieses Treiben stets als böse Unterstellung der Sachsen abgetan. Doch Bertha hatt