: Thomas Gottschalk
: Herbstbunt Wer nur alt wird, aber nicht klüger, ist schön blöd
: Heyne Verlag
: 9783641231897
: 1
: CHF 9.90
:
: Biographien, Autobiographien
: German
: 272
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Forever young?

Immer lief alles glatt in seinem Leben. Warum sollte sich daran etwas ändern, bloß weil Thomas Gottschalk eines Tages 60 wurde? Für die Figur gibt’s die Mayr-Kur, und Workouts gibt’s für die Fitness. Doch in der zweiten Hälfte der Sechziger wird es unerwartet rumpelig: Der Oberschenkelmuskel gibt den Geist auf; das Haus brennt ab; und nach über 40 Jahren Ehe ist das Zusammenbleiben plötzlich nicht mehr selbstverständlich…

Thomas Gottschalk erzählt vom Älterwerden – nachdenklich, mit viel Humor und großer Offenheit. Seine Botschaft? Optimistisch!

»Ich im Kampf gegen die Vergreisung. Das ist meine letzte große Herausforderung. Ich werde sie bewältigen – top, die Wette gilt!« Thomas Gottschalk

Thomas Gottschalkwurde am 18. Mai 1950 in Bamberg geboren. Er startete seine Karriere beim Bayerischen Rundfunk. Mit der Sendung »Na sowas!« gelang ihm der Durchbruch im Abendprogramm des ZDF. 1987 übernahm er das Unterhaltungs-Flaggschiff »Wetten, dass..?« und moderierte 2023 seine 154. und letzte Sendung. Er hat zwei Söhne und zwei Enkel und lebt mit seiner Frau Karina in München.

EVERYBODY HURTS


R.E.M.

In dem für michtypischen Planungswahn hatte ich den Beginn meines Daseins als alterMann auf den sechzigsten Geburtstag festgelegt. Also suchte ich imMai 2010 die mönchische Abgeschiedenheit des Gasteinertals und inszenierte dieganz große Zäsur. Allein wollte ich dem Elend des Altwerdensins Auge blicken. Ich hatte mir eine idyllische Berghütte imBlockhausstil vorgestellt. Die gibt es aber nur in Heimatfilmen, undich fand mich in einer Wellblechbutze auf einer tropfnassen Bergwiesewieder.

Von Aussicht konnte im kalten Frühjahrsnebel keine Rede sein. Diepaar Krüppelkiefern, die ich in der grauen Suppe ausmachen konnte,hätten auch im Ruhrpott stehen können, und mich wärmte keinKaminfeuer, sondern ich stolperte über einen Radiator auf Rädern. MeineBereitschaft, mich einer misslichen Lage anzupassen, statt sie zu beklagen,hat mir zwar oft den Vorwurf eingebracht, ich könne mirjeden Dreck schönreden, war aber in meinem Leben immer hilfreich.Nach kurzem Hadern fand ich die Umgebung dem Anlass alsodurchaus angemessen. Ich würde den einsamen Exorzismus in passendem Ambientedurchziehen und mich den bösen Geistern, vor denen ich langegenug geflüchtet war, endlich kampflos ergeben.

Am nächsten Morgen erwachte ich,wie geplant, als alter Mann. Auf den hatte ich micheingestellt, und ich war der Erste, der ihn sehen wollte.Ich stolperte ins kalte Badezimmer, aber aus dem Rasierspiegel starrtederselbe stoppelige Kerl zurück, der sich gestern ins Bett gelegthatte. Nichts war anders. Alles war wie immer. Die Götter hatten darauf verzichtet, mir den Ernst der Lage ins Gesicht zu zeichnen. Ichsah aus wie immer und fühlte mich wie immer. Daswar der Beweis, ich war zu ewiger Jugend verdammt: foreveryoung. Mit diesem Schicksal konnte ich leben. Das Thema Alterhatte sich für mich vorerst erledigt und war auf einenunbestimmten Tag verschoben.

Der kam eher, als mir lieb war, sechsJahre später. Es war passenderweise ein Aschermittwoch, an dem mirdas Schicksal das Kreuz der Hinfälligkeit auf die Stirn zeichnete.Und auch der Ort war angemessen.

Ich war Gast des berühmtenDormitio-Klosters auf dem Berg Zion. Einer der Benediktiner-Patres führte michdurch die verschiedenen Viertel der Altstadt Jerusalems und erklärte mirderen komplizierte Geschichte. Wir waren für den nächsten Tag wiederverabredet, es hatte in der Nacht geregnet, und ich wargerade dabei, mir eine Tasse Kaffee zu besorgen. Vor demHotel rutschte