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Alpaka. Weich und anschmiegsam, glänzend und angenehm auf der Haut zu tragen. Ein Stoff der Erinnerung, der die Sehnsucht nach der Kindheit weckt. Er wird aus dem Haar der Alpakas gewonnen, einer in den südamerikanischen Anden beheimateten kleinen Kamelart, und für Jacken, Pullover, Decken und Teppiche verwendet.
Das Gewebe war hauchfein, eine besonders hochwertige Shantungseide. Der Stoff erinnerte sie an das Blau des Winterhimmels, durchsichtig wie Glas, eiskalt und scheinbar endlos.
Camilla Sampietro strich sanft darüber. Die zahlreichen Schattierungen reichten von einem sanften Türkis bis zu einem intensiven Indigo, es war ein changierendes Feuerwerk. Beim Darüberstreichen spürte man die dezenten Strukturen des kostbaren Gewebes.
Mit den Fingerspitzen fuhr sie über die leicht raue Oberfläche, dabei hielt sie den Atem an wie jedes Mal, wenn sie etwas so Edles in den Händen hielt.
»Reine Seide. Dupionseide«, sagte die junge Frau, die vor ihr stand.
Eindeutig wusste sie nicht, von was sie sprach, dachte Camilla. Aber das spielte keine Rolle. Wichtig war allein die Kundin, für die das Kleid bestimmt sein sollte. Sie hatte sich als Lucy Wong vorgestellt.
Eine Weile schwiegen beide, lediglich ihre Atemgeräusche waren zu hören.
»Glauben Sie, der Stoff reicht aus, um daraus ein Kleid für mich zu machen?«, fragte Lucy schließlich zögerlich, jedoch mit hoffnungsvoller Stimme.
Das Kleid, das sie ganz vorsichtig auf den Ladentisch des kleinen Schneiderateliers gelegt hatte, in dem Camilla seit einem Jahr arbeitete, hatte ihrer Urgroßmutter gehört. Mit Tränen in den Augen erzählte sie, dass ihre Familie vor etwa hundert Jahren wegen der revolutionären Umwälzungen aus China geflohen sei, mit nichts außer ein paar Habseligkeiten, darunter ein Bündel mit dem Familienschmuck und diesem Kleid. Der Schmuck war längst verkauft, das Kleid hingegen gab es noch immer.
Ab und zu hatte es ihr Vater aus der parfümierten Schachtel genommen, in der es verwahrt wurde, und es ihr für einen kurzen Moment gezeigt, um es danach sogleich wieder behutsam in Seidenpapier zu wickeln und zurückzulegen. Aber seit ihr Vater tot war, verspürte Lucy den Wunsch, das Kleid ändern zu lassen und es selbst zu tragen, um auf diese Weise die Erinnerung an ihn ständig bei sich zu haben.
Als Camilla die junge Frau mit der eng an die Brust gedrückten Schachtel in den Laden hatte kommen sehen, war ihr auf der Stelle klar gewesen, dass es sich nicht um eine ihrer üblichen Kundinnen handelte, sondern dass es mit ihrem Anliegen eine besondere Bewandtnis hatte.
Eindeutig gehörte sie zu jener Sorte Frau, die nicht nur gut aussehen, sondern sich mit ihrer Kleidung gleichzeitig identifizieren wollten. Zum Beispiel mit einem umgearbeiteten Kleid, das einmal jemand anderem gehört hatte, einem geliebten Menschen. Eine Äußerlichkeit zwar, die allerdings eine tiefe innere Verbindung zum Ausdruck brachte.
»Das hängt vom Schnitt ab, doch ich denke schon, dass es möglich ist, daraus ein Kleid für Sie zu machen.«
Der Stoff duftete dezent nach Sandelholz. Camilla hatte es gleich beim Auspacken bemerkt und war fasziniert gewesen, denn der Geruch erinnerte sie an den Garten aus ihren Kindertagen.
Sie lächelte die junge Frau an. »Das Kleid ist in einem hervorragenden Zustand, keinerlei Beschädigungen bis auf den Kragen.«
Mit dem Zeigefinger fuhr sie fast andächtig über die Stickereien, die typisch waren für Kleider aus der Spätzeit