: Susanne Hasenstab
: Irgendwo zwischen Liebe und Musterhaus Roman
: Limes
: 9783641231255
: 1
: CHF 6.20
:
: Erzählende Literatur
: German
: 416
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Von Reihenmittelhäusern, obskuren Literatur-Soireen und diesem Gefühl namens Liebe ...

Katja ist Anfang dreißig und arbeitet beim »Sonntags-Blitz«, der Gratis-Zeitung ihres Heimatorts, bei der sie nach dem Praktikum irgendwie hängen geblieben ist. Während ihr Freund Jonas das Projekt Eigenheim vorantreibt, überkommt Katja beim Brunch mit werdenden Müttern und Pärchenausflügen zur »langen Nacht der Musterhäuser« zunehmend ein Gefühl der Beklemmung. Sie flüchtet sich in einen schrägen Zirkel kleinstädtischer Möchtegernliteraten und -künstler und begegnet auf einer der alkoholgeschwängerten Abendveranstaltungen dem Krimiautor Robert Klotzky, dem mit »Die Geschändeten von Heusenstamm« ein Überraschungserfolg gelang – und der auch bei Katja einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Susanne Hasenstab, geboren 1984, studierte Romanistik und Skandinavistik in Frankfurt/Main und Lausanne. Sie arbeitet als freie Autorin und Kolumnistin für unterschiedliche Printmedien und beim Radio. Zusammen mit ihrem Bühnenpartner Emil Emaille tritt sie mit kabarettistischen Leseprogrammen auf. In ihrer Freizeit macht sie gern Yoga, reist und belauscht andere Leute, um Inspirationen für ihr Bühnenprogramm zu sammeln.

Kapitel 2

DASNAVIBERECHNET meine Ankunftszeit im Libellenweg 14c auf exakt siebzehn Uhr. Ich fahre raus aus der Stadt ins Neubaugebiet, das sich entlang eines weiten, sanft abfallenden Hangs erstreckt und im unteren Bereich an der Autobahn, im oberen am Waldrand endet. Um eine Bebauung des »Tals der glücklichen Familien« zu ermöglichen, wurde die A3 zuvor in diesem Bereich mit hohen Schallschutzwänden versehen.

Ich fahre den Rotkehlchenweg entlang, von dem der Marienkäferweg, der Schmetterlingsweg, der Eichhörnchenweg und der Blaumeisenweg abzweigen. Anscheinend hat man hier alle Straßen nach putzigen Wald- und Gartentieren benannt.

Eine Nacktschneckenstraße, Rattengasse oder einen Wespenweg gibt es nicht. An der Kreuzung Rotkehlchenweg/Libellenweg ragt hinter einer Hecke ein hoher Mast in die Höhe, an dem eine riesige schwarze Piratenflagge hängt. Es ist aber keine Wagenburg, sondern der Kindergarten Klabauterschiff, wie ein buntes Schild am Eingang verkündet.

Keine zwanzig Meter vom Klabauterschiff entfernt habe ich mein Ziel erreicht. Im Radio verebben gerade die letzten Klänge eines Whitney-Houston-Songs, in dessen Fade Out der Moderator platzt: »Hunderte Tonnen Müll liegen am Rand von Hessens Autobahnen! Wer soll das alles entfernen? Wir sprechen jetzt mit …«

Ich stelle den Motor ab. Jonas ist schon da, er steht an der Waschbetonbegrenzung einer Vorgartenrabatte und winkt mir zu. Ich steige aus, er kommt mir entgegen und gibt mir einen Kuss. »Na, hast du’s gut gefunden? Ist ganz schön hier, oder? Als ich unter der Autobahn durchgefahren bin, dachte ich: Oje, das liegt ja direkt an der A3, aber hier sind wir fast ganz oben am Waldrand, und ich steh ja schon fünf Minuten, und man hört fast gar nichts, krass, hätte ich nicht gedacht, dass die das so gut abschirmen, die Lärmschutzwände, echt klasse.«

»Welches Haus ist es denn?«, frage ich, denn wir stehen jetzt vor drei wuchtigen, leicht versetzt aneinandergeklebten Hausklötzen mit identischen Vorgärten.

»Hier, das rechte. Reihenendhaus, das ist gut, besser als das in der Mitte, da hat man eine Seite frei und ist nicht so eingequetscht. Nach hinten raus ist ein Garten, den siehst du von hier nicht. Die Maklerin hat mich übrigens grad angerufen, die steht im Stau, wir müssen noch kurz warten.«

Wir stehen also da und warten. Die Autobahn hört man tatsächlich kaum, was aber auch daran liegt, dass im Klabauterschiff noch mächtig Betrieb herrscht. Hinter der Hecke hervor dringen anhaltende, schrille Schreie, durchsetzt mit dumpfen Schlägen. Wie kann man nur so laut und abscheulich spielen? War ich auch so? Es klingt nicht nach fröhlichem Reigentanz oder Turmbau mit Holzklötzchen, eher so, als würde jemand mit einer Machete durch den Garten laufen und die Kinder niedermetzeln.

Da Jonas die akustische Höllenkulisse nicht kommentiert, halte ich auch meinen Mund, anscheinend sind in Todesangst schreiende Kinder ein hinzunehmender Störfaktor in einem derart gebärfreudigen Neubaugebiet. Während wir vor dem Haus stehen, sind schon sechs Frauen mit Kinderwägen, jeweils paarweise und ins Gespräch vertieft, aber dennoch freundlich grüßend, an uns vorbeigegangen.

»Der Gehsteig ist so breit, dass zwei Kinderwägen nebeneinander draufpassen, das haben die Planer bestimmt extra so gemacht«, sagt Jonas völlig wertfrei.

Jonas hat ein schlimmes Oberteil an. Da er schon um sechs Uhr aufsteht und zur Arbeit fährt, wenn