»Was sind Ihre Stärken, Fräulein Böse?«
Meine wohl größte Stärke ist es, in diesem Moment nicht an die Decke zu gehen.
Ich bin achtundzwanzig Jahre alt, und die Anrede Fräulein war vor vielleicht fünfzig Jahren angemessen. Vor fünfzig Jahren steckte mein Gegenüber aber sicher noch in den Windeln, weshalb er sich das ebenso sparen könnte wie die Art, meinen Nachnamen auszusprechen. Als hätte er drei »Ö« in der Mitte. Da werde ich erst recht böööse.
Statt diesem Herrn Kööönig meine Meinung zu sagen, lächle ich mit aller Kraft meiner Selbstbeherrschung und besinne mich auf die Worte, die ich mir genau für diese Frage zurechtgelegt habe.
»Zu meinen Stärken zählen Zahlenaffinität, eigenständiges Arbeiten und eine hohe Konzentrationsfähigkeit.«
Meine Freundin Bianca, bei der ich vorübergehend untergekommen bin, wäre ebenso stolz, wie mein eigenes Spiegelbild es ist. Jene beiden Gesichter, vor denen ich für die bevorstehenden Vorstellungsgespräche geübt habe. Mal abgesehen von Biancas Kindern, die sich köstlich über unsere inszenierten Bewerbungen amüsierten. Da ich aber bis vor drei Wochen noch nie ein richtiges Vorstellungsgespräch geführt hatte, wollte ich mich bestens vorbereiten. Denn das ist das A und O meines Lebens. Planung, Vorbereitung und Konsequenz.
»Zahlenaffin, so, so.« Herr Kööönig schiebt seinen ergrauenden Schnurrbart hin und her, während er auf den ausgedruckten Lebenslauf blickt, den ich mitgebracht habe. »Und Eigenständigkeit also.« Er brummt, und ich habe gerade die Erkenntnis, dass er zumindest nicht taub ist. Was mich angesichts des Telefonats, das er zuvor geführt hat, erstaunt, denn sein Telefon ist auf die höchste Lautstärke gestellt, sodass ich sogar aus dem kleinen Warteraum vor dem Büro jedes Wort seines Gesprächspartners verstehen konnte.
Ich behalte mein – wie ich finde äußerst professionell wirkendes – Lächeln bei und warte eine weitere Reaktion ab. Bianca und ich haben befunden, dass der Begriff Eigenständigkeit besser klingt als die Erklärung, dass ich lieber allein statt in einem Team arbeite. Auch wenn für viele Firmen außer Frage steht, dass potenzielle Mitarbeiter des Alphabets mächtig sowie Teamplayer sein sollten.
»Eigenständigkeit ist gut«, murmelt er und beginnt, mit seinen plumpen Fingern in den Unterlagen auf seinem unordentlichen Schreibtisch zu wühlen. Angesichts der sieben leeren Limonadenflaschen und der drei Burgerschachteln im Papierkorb neben seinem Schreibtisch kann ich mir gar nicht vorstellen, wie er stundenlang in ein Auto gequetscht ausharrt und jemanden observiert. Herr König (ich