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Fünf Stunden zuvor
Clara stand reglos im Flur ihrerWG. Ihr Herz hämmerte im gleichen Rhythmus wie der Deep-House-Sound aus dem Zimmer ihres Maschinenbau studierenden Mitbewohners Adrian. Ihre Gedanken hingen in einer Nebelwolke fest. Gut möglich, dass die illegalen Substanzen, die ihr zweiter Mitbewohner Torben, ein frischgebackener Sozialpädagoge, gerade zu konsumieren schien, nicht ganz unschuldig daran waren. Die Hauptursache gründete aber in dem Anruf, den sie soeben erhalten hatte. Ein Telefonat, das sie gefürchtet hatte. Von dem sie gehofft hatte, es noch viele Jahre lang nicht führen zu müssen. Charlotte, ihre wunderbare Großmutter … Seit dem Tod von Claras Mutter vor sieben Jahren rissen ihr Nachrichten wie die, die sie gerade erhalten hatte, den Boden unter den Füßen weg. Gegen die Angst, die ihr den Hals zuschnürte, kam sie einfach nicht an.
Es klingelte an der Tür. Clara hob den Blick vom zerschundenen Linoleumboden und betrachtete das schief hängende Garderobenbrett. Ashley, die einzige Frau, die außer ihr hier wohnte, eine Verkäuferin in einem von Stuttgarts angesagtesten Klamottenläden, lag Adrian regelmäßig in den Ohren, das Möbelstück ordentlich an die Wand zu schrauben. Es war bereits zweimal unter ihrer Sammlung farbenfroher Mäntel zusammengebrochen.
Das Türklingeln steigerte sich zu einem verärgerten Stakkato. Doch Clara konnte sich nicht bewegen. Ihr Blick wanderte weiter zum Flurspiegel, dessen obere Ecke blind war. Ein Spinnennetz aus geborstenem Glas in seiner Mitte zeugte von einer besonders wilden Party aus der Zeit, bevor Clara hier eingezogen war. Er hing an der vergilbten Wand wie ein stolzes Artefakt aus einer anderen Epoche.
Das Klingeln verstummte. Noch bevor Clara erleichtert aufatmen konnte, wurde es von einer penetranten Faust ersetzt, die gegen das spröde Holz mit demAnti-Stuttgart 21-Aufkleber schlug.
»Mach doch endlich die verdammte Tür auf, Alter«, schrie Torben aus seinem Zimmer.
Clara zuckte zusammen.Ich bin nicht dein Alter, dachte sie, wie jedes Mal, wenn er diese Formulierung benutzte. Aber immerhin hatte sein Brüllen sie aus ihrer Erstarrung befreit. Sie überwand die zwei Schritte, die sie von der Tür trennten, und riss sie auf. »Lena!« Pure Erleichterung durchfuhr sie beim Anblick ihrer älteren Schwester. Was durchaus nicht häufig geschah. »Gott sei Dank! Du bist hier!« Clara presste die Hand, mit der sie noch immer ihr Handy umklammert hielt, gegen ihr wild klopfendes Herz, als könne sie so verhindern, dass es ihr vor lauter Panik aus der Brust sprang. »Hast du auch einen Anruf bekommen?«
»Was für einen Anruf?« Ihre Schwester zog auf ihre leicht überhebliche Art die Nase kraus und schnüffelte an Clara vorbei. »Sag mal, kiffst du neuerdings?«
»Was? Nein! Das ist der Sozialpädagoge«, ging Clara automatisch in Verteidigungshaltung. Sie trat einen Schritt in den schäbigen Hausflur hinaus und lehnte die Tür an, um ihrer Schwester den Blick in die noch schäbigere Wohnung zu versperren.
»Dann schmeiß den Typen raus. Ich will nicht, dass wir Ärger mit dem Jugendamt bekommen, wenn Sophie hier ist.«
Als ob ich irgendjemanden rauswerfen könnte, dachte Clara bitter. »Sophie ist nie hier«, korrigierte sie Lena.
»Ab jetzt schon.« Ihre ältere Schwester trat einen Schritt zur Seite, und erst jetzt wurde Clara bewusst, dass sie nicht allein waren. Hinter Lena standen ihre kleine Schwester Sophie und Lenas Lebensgefährte Benedikt. Er ignorierte sowohl Clara als auch Sophie und betrachtete stattdessen seine sauber manikürten Fingernägel. Benedikt war ein Arsch. Und ein Snob. Überheb