: Kaspar Colling Nielsen
: Der europäische Frühling
: Heyne Verlag
: 9783641225865
: 1
: CHF 7.10
:
: Erzählende Literatur
: German
: 400
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Insel Lolland ist zum Hort der Glückseligen geworden. Hier regieren Nachhaltigkeit, Umweltbewusstsein und Menschlichkeit. Intelligente Drohnen haben viele der alltäglichen Arbeiten übernommen. Doch die Idylle hat ihren Preis, und der Eintritt ist nicht jedem gewährt. In den Städten herrscht Anarchie. Probleme werden nicht gelöst, sondern auslagert. Dänemark pachtet in Mozambique eine riesige Landfläche und baut dort für Flüchtlinge und unliebsame Asylanten eine riesige Containerstadt. Am Ende ist die Zukunft auch nur ein Geschäft.

Kaspar Colling Nielsen, geboren 1974 in Kopenhagen, gilt als eine der eigenständigsten Stimmen der zeitgenössischen skandinavischen Literatur. Sämtliche seiner Bücher wurden für die wichtigsten dänischen Buchpreise nominiert. Sein Debüt »Mount Copenhagen« erhielt den renommierten Danske Bank First Book Award. Für sein literarisches Werk wurde Colling Nielsen 2014 mit dem Rune T. Kiddes Honorary Award und 2017 mit der Holberg Medal ausgezeichnet. Kaspar Colling Nielsen lebt in Kopenhagen, wo er neben seiner schriftstellerischen Arbeit an der Copenhagen Business School unterrichtet sowie als Redenschreiber für die dänische Regierung agiert.

Kapitel 1

Nastig

Stig warf einen Blick auf sein Telefon, während das Wasser für den Kaffee kochte. Er hatte eine Nachricht von Ulrik Haagerup bekommen, einem Künstler Ende fünfzig, der seit Jahren nur Ölbilder malte, die Kreise in verschiedenen Farben und Größen zeigten. Seine Werke waren beinahe unverkäuflich, weshalb Stig ihm vor ein paar Wochen vorsichtig nahegelegt hatte, auch um seiner selbst willen, das Repertoire zu erweitern. Allem Anschein nach hatte er bei Ulrik damit eine heftige Krise ausgelöst; die Nachricht war um 3.47 Uhr abgeschickt worden.

»Habe SEHR VIEL nachgedacht über das, was du gesagt hast …« Aber damit endete die Nachricht auch schon. Er schrieb weder, zu welchem Schluss er gekommen war, noch, warum er diese Nachricht mitten in der Nacht abgeschickt hatte.

Stig goss das kochende Wasser in die Tasse mit dem Nescafé und ging zum Rauchen in den Wintergarten an der hinteren Treppe. Elisabeth saß bereits mit ihrem Laptop dort. Sie hatte geduscht und war bereit, zur Arbeit zu fahren.

Er zündete sich eine Zigarette an und blickte in den Himmel. Die Sonne färbte die Wolken hellrot und orange. Es war kalt. Er drückte das Fenster etwas weiter zu.

»Sie haben noch einmal Kontakt mit mir aufgenommen«, sagte sie.

Stig sah sie wortlos an.

»Das klingt wirklich absolut faszinierend, Stig.«

Stig sagte noch immer nichts. Irgendein Forschungszentrum versuchte Elisabeth abzuwerben, aber das Institut lag auf Lolland, und wer in dem Institut arbeiten wollte, musste dort auch wohnen. Elisabeth drehte den Laptop, sodass er einen Blick auf den Bildschirm werfen konnte.

»Guck dir das mal an, Stig. Sieht doch echt toll aus, oder?« Sie versuchte, Begeisterung auszudrücken, aber in ihrem Blick lag eine Unruhe, eine Nervosität, wie er sie in den fünfundzwanzig Jahren, die sie jetzt zusammenwohnten, nur selten gesehen hatte. Auf dem Bildschirm war ein idyllisches Bauernhaus zu sehen.

»Nicht schon wieder«, sagte Stig ärgerlich und sah noch einmal gen Himmel.

Warum hörte sie mit diesem Scheiß nicht endlich auf? Er musterte sie. Ihr Mund bewegte sich, aber Stig hörte nicht zu. Er wusste ohnehin, was sie sagte. Hatte das alles schon oft gehört. Das Morgenlicht ließ sie alt aussehen, aber sie war ja auch wirklich nicht mehr jung. Ihr Mund war durch die Falten, die sich vom Mundwinkel nach unten zogen und Kinn und Wangen wie bei einem Nilpferd trennten, irgendwie breiter geworden. Sie war nicht dick. Nein. Sie gehörte gewiss nicht zu den Frauen, die mit dem Alter fett wurden. Eher im Gegenteil, ihre Beine waren knochig wie bei einem alten Pferd. Warum wollte sie aufs Land ziehen? Da wohnten doch nur Leute, die irgendwie krank waren, degeneriert, ja gefährlich.

»Das könnte richtig toll werden, meinst du nicht auch?«, fragte sie mit angestrengtem Lächeln.

»Aber Schatz, das geht doch nicht. Wie soll ich das denn machen?«, erwiderte Stig und lächelte etwas herablassend.

»Warum soll das denn nicht gehen?«

Stig sah ihr in die Augen, sie hielt seinem Blick aber stand. Es machte ihm langsam Sorgen, dass sie immer wieder mit dieser Sache ankam. Es war jetzt bestimmt schon das zehnte Mal, dass sie diesen Job ansprach. Sie schien es wirklich ernst zu meinen. Stig wusste, dass er sich alle Mühe geben musste, damit der Kelch, von Kopenhagen aufs Land zu ziehen, an ihm vorbeiging. Und nicht einfach nur aufs Land, sondern nach Lolland.

»Das geht aus vielen Gründen nicht«, begann Stig und reihte die Argumente