: Fran Cooper
: Die zwei Hälften eines Hauses Roman
: Heyne Verlag
: 9783641235000
: 1
: CHF 2.70
:
: Erzählende Literatur
: German
: 384
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Um dem aufreibendem Leben in London zu entfliehen und auf neue Gedanken zu kommen, erwirbt ein wohlhabendes Paar im Norden Englands ein Ferienhaus — nicht ahnend, dass sie damit Ereignisse in Gang bringen, die die trügerische Ruhe eines Dorfes stören, das ein dunkles Geheimnis in sich birgt.



Fran Cooper ist in London aufgewachsen. Sie studierte Englisch in Cambridge und Kunstgeschichte am Courtauld Institute of Art. Drei Jahre verbrachte sie in Paris, wo sie neben ihrer Doktorarbeit über Reisemaler im 18. Jahrhundert auch die ersten Teile ihres DebütsDie Leute von Nr. 37schrieb.Die zwei Hälften eines Hausesist ihr zweiter Roman.

4

»SCHEISSE

Der Volvo bricht seitwärts aus und bleibt mit der breiten Nase nur Zentimeter vor einer Trockenmauer auf dem Randstreifen stehen. Simon sieht, wie seine Frau gegen das Fenster auf der Beifahrerseite geworfen wird und hört das dumpfeKlock, mit dem ihr Kopf gegen die Scheibe schlägt, als der Wagen zum Stillstand kommt.

»Alles in Ordnung?«, fragt er.

Jay reibt sich die Schläfe. »Was war das?«

»Keine Ahnung.« Mit zitternden Händen rückt Simon seine Brille zurecht.

»Ein Schlagloch?«

»Das Rad?«

Sie klettern hinaus in einen rauen Nachmittag, die Luft ist kühl und feucht. Obwohl man in London von einem Altweibersommer spricht. Sie sind im Norden, weit oberhalb von sonnenhellen Städten und bilderbuchschönen Tälern. Hier schwitzt niemand im Liegestuhl oder holt Sommersachen aus dem Schrank, die er längst weggepackt haben wollte. Der September hat kaum begonnen, doch schon fällt das Licht schwächer durch die Wolken; ein paar Stunden wird es noch scheinen, aber mit dieser herbstlichen Trägheit, die das Kommen einer langen Nacht ankündigt.

In der Stadt werden die Menschen jetzt auf die glutheißen Straßen hinausgehen und in der tropischen Schwüle tapfer mit der U-Bahn fahren. Sie werden blicklos, achtlos aneinander vorbeieilen und abrupt von ihrem Kurs abgebracht werden, wenn sie mit jemand anders zusammenstoßen. Davon sind Simon und Jay auf diesem menschenleeren Stück Straße weit entfernt. Das braune Gras raschelt, beugt sich der Gewalt des Windes und in der Ferne singt ein Vogel – oder ist es der Wind? – ein trauriges Lied.

Simon geht zu Jay, die auf der Beifahrerseite steht, und zusammen schauen sie auf den Reifen hinunter oder das, was davon übrig ist, und schlaff und verdreht um die Radkappe hängt.

»Kannst du damit fahren?«

Simon geht in die Hocke und berührt das rasch abkühlende Gummi, als könnte er es so wiederbeleben. »Ich denke, wir können langsam weiterrumpeln.«

Jay kniet sich neben ihn, greift aber nicht nach dem Rad, sondern nach der ockerfarbenen Erde. Als Simon sieht, wie sie sie zwischen Daumen und Zeigefinger zerreibt, steigt eine Erinnerung in ihm auf.

»Muss das sein?« Er steht auf und lehnt sich an die Motorhaube, rollt die Schultern und verdreht den Nacken. Sie sitzen seit fünf Stunden im Wagen, haben vier Häuser gesehen und sind meilenweit davon entfernt, das richtige zu finden.

Jay erwide