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Also, wie ist der Kapitalismus entstanden?
Das ist eine lange, sehr komplizierte Geschichte, weil der Kapitalismus nicht nur einewirtschaftliche Produktionsweise ist, sondern auch einegesellschaftliche Organisationsform. Sie hat mit dem Aufstieg und dem Niedergang sozialer Klassen zu tun. Alle diese Begriffe sind ein wenig abstrakt für dich, aber ich werde sie dir erklären. Man braucht sie, um die Lage der Dinge richtig zu verstehen.
Einen Augenblick. Bevor du zu theoretisch wirst, erkläre mir doch, woher das WortKapitalismus kommt …
Kapitalismus kommt von dem lateinischen Wortcaput, dasKopf bedeutet, ursprünglich im wirtschaftlichen Sinne: die Kopfzahl des Viehbestands. Das WortKapital, das sich daraus entwickelte, nahm im 12. und 13. Jahrhundert die Bedeutung von Vermögen an, von Gewinn, der Geldmenge, die man gewinnbringend anlegen konnte. Der BegriffKapitalist taucht erst viel später auf, im 17. Jahrhundert bezeichnet er zunächst den Eigentümer des Reichtums, dann den Unternehmer, denjenigen, der eine bestimmte Geldmenge in den Produktionsprozess investiert. Ab dem 18. Jahrhundert wird er häufig auf alle Personen angewendet, die reich sind. Der liberale englische Ökonom David Ricardo, Verfasser der 1817 erschienenen SchriftOn the Principles of Political Economy and Taxation – Über die Grundsätze der Politischen Ökonomie und der Besteuerung – verwendet ihn genauso wie 1840 der französische revolutionäre Anarchist Pierre-Joseph Proudhon inWas ist das Eigentum?.
Mitte des 19. Jahrhunderts kam das WortKapitalismus auf, fand aber erst im 20. Jahrhundert Eingang in den allgemeinen Wortschatz. Es findet sich ab 1850 bei dem Revolutionär Louis Blanc in der Bedeutung vonAneignung des Kapitals durch die einen unter Ausschluss der anderen, bei Proudhon und natürlich bei Karl Marx als wirtschaftliches und gesellschaftliches System, in dem das Kapital als Einkommensquelle generell nicht denen gehört, die es durch ihre Arbeit produzieren.
Ach so, jetzt weiß ich! Er hat den Marxisten ihren Namen gegeben. Ich habe Freunde, die sich Marxisten und Antikapitalisten nennen!
Du hast recht. Seit mehr als einem Jahrhundert berufen sich die Revolutionäre auf Karl Marx. Er ist bei Weitem der bekannteste der hier zitierten Philosophen. Zwanzig Jahre seines Lebens als Philosoph, Nationalökonom, Theoretiker und revolutionärer Kämpfer hat Marx der Niederschrift seines BuchsDas Kapital. Kritik der politischen Ökonomie gewidmet, trotzdem war das Werk bei seinem Tod im Jahr 1883 immer noch unvollendet. Von London aus, wohin er mit seiner Familie geflüchtet war, hat er am Beispiel der englischen Industrie und ihrer entsetzlichen Arbeitsbedingungen die wahre Natur des Kapitalismus enthüllt und damit dessen Opfern die Waffen geliefert, mit denen sie ihn bekämpfen können.
In Ordnung, Jean. Wenn ich dich richtig verstanden habe, ist das Kapital eine Geldmenge, die durch Arbeit produziert wird, eine Einkommensquelle, wenn man sie reinvestiert, und der Kapitalist der Eigentümer dieser Geldmenge, der sich die Einnahmen aneignet, indem er sie denen vorenthält, die sie durch ihre Arbeit produzieren. Richtig?
Ganz genau. Das WortKapitalismus verweist auf zwei fundamentale Gegebenheiten: dasKapital als Geldmenge und denKapitalisten als Wirtschaftssubjekt oder gesellschaftlichen Akteur, der sich auf Kosten der Arbeiter bereichert.
Das kapitalistische System ist nicht vom Himmel gefallen. Es ist das Ergebnis jahrhundertelanger Kämpfe zwischen antagonistischen gesellschaftlichen Klassen … Blutiger, häufig unentschiedener Kämpfe.
Kannst du sie kurz zusammenfassen?
Sicher. Seit Jahrtausenden gibt es Reiche, die Güter im Überfluss besitzen – Ländereien, Werkzeuge, Zugänge zum Wasser, Paläste, Transportmittel, Delikatessen, Gold- und Silbergeschirr, kostbare Kleidung, Juwelen und so fort – und die Macht, die daraus erwächst. Einst besaßen diese Reichen auch Menschen, die für sie arbeiteten und sie bedienten, Männer, Frauen und Kinder, die keinerlei Fre