: Petra Johann
: Die Entführung Kriminalroman
: Blanvalet Taschenbuch Verlag
: 9783641230623
: 1
: CHF 13.50
:
: Spannung
: German
: 512
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Er wird nicht ruhen, ehe er bekommt, was er fordert – und er hat deine Tochter …

Als im September 2000 die Unternehmerstochter Lena und ihre beste Freundin Ronja Opfer einer Entführung werden, beginnt ein erbitterter Nervenkrieg zwischen dem Entführer, der sich »Der Vollstrecker« nennt, und den Familien der Mädchen. Obwohl die beiden Münchner Kripobeamten Eva Schaller und Jakob Schuster alles in ihrer Macht Stehende tun, um die Mädchen zu retten, endet die Entführung in einer Katastrophe mit zwei Toten. Siebzehn Jahre später brechen alte Wunden wieder auf, als in einem Waldstück eine skelettierte Leiche gefunden wird. Plötzlich erscheinen die Ereignisse von damals in einem noch viel erschreckenderen Licht.

Petra Johann, Jahrgang 1971, ist promovierte Mathematikerin. Sie arbeitete mehrere Jahre in der Forschung und in der Softwarebranche, bevor sie ihre wahre Berufung fand: Menschen umbringen – wenn auch nur auf dem Papier. Petra Johann ist im Ruhrgebiet aufgewachsen, mittlerweile lebt sie in Bayern.

Montag, 11. September 2000

1

Der Tag, an dem es geschah, war zu heiß für einen elften September. Die ganze letzte Woche war außergewöhnlich trocken und warm gewesen. Badewetter, Eisdielenwetter, Im-Gras-liegen-und-in-die-Sonne-blinzeln-Wetter. Entgegen der Vorhersage, aber Leni hatte gewusst, dass die letzten zwei Ferienwochen schön werden würden. Das Wetter spielte immer mit, wenn sie mit Ronja zusammen war. Im Sommer war dann alles in süße goldene Farben getaucht, im Herbst in warme bronzene, im Winter in glitzernde silberne. Und im Frühling in irgendein strahlendes, duftendes Gemisch. Ronja besaß die Gabe, die Elemente zu beeinflussen. Ronja besaß viele Gaben.

»Wer zuerst an der Abzweigung zum Wald ist, darf nachher vorn sitzen«, rief Ronja, während sie die Tür des Schuppens zuwarf, der zum Ferienhaus gehörte.

»Hey, das ist unfair«, protestierte Leni. »Du bist viel schneller als ich.«

»Dafür hast du das bessere Rad und ich den Ballast.« Ronja schnappte sich die Tasche mit den Badesachen und klemmte sie auf den Gepäckträger des uralten Herrenrades, das in der Tat noch mindestens zehn Jahre älter war als Lenis Hollandrad mit der Drei-Gang-Schaltung. »Und los!«

Ronja schwang das Fahrrad herum und ihr langes rechtes Bein über den Sattel. Mehr sah Leni nicht, weil sie bereits selbst im Sattel saß und losrollte. Sie wusste: Wenn sie den Vorsprung nicht nutzte und ihre Freundin vorbeiließe, würde sie sie nie wieder einholen, und wenn sie nachher auf der Rückfahrt nach München in Birgits Wagen hinten sitzen müsste, würde sie sich übergeben. Garantiert! Das passierte ihr immer, zuletzt an dem Abend, als Tessas Mutter sie von Tessas Geburtstagsfeier nach Hause gefahren hatte. Es war die einzige Party einer Schulkameradin gewesen, zu der sie im vergangenen Jahr eingeladen worden war. Der Nachmittag war ein Fiasko gewesen und ihre Kotzerei der krönende Höhepunkt der demütigenden Peinlichkeiten.

Leni schoss aus der Ausfahrt in die ruhige Nebenstraße, schaltete in den zweiten Gang und strampelte los, dass das Tretlager bedenklich knackte. Die Nebenstraße mündete in die sogenannte Hauptstraße des kleinen Ortes im Chiemgau, doch Leni warf nur einen flüchtigen Blick nach links und verzichtete auf ein Handzeichen, bevor sie nach rechts abbog. Hier war nie viel los, und nachdem die wenigen Urlauber die Ferienwohnungen geräumt hatten und die meisten Dorfbewohner gerade arbeiteten, rechnete sie höchstens mit einem Traktor, und dessen Knattern hätte sie gehört.

Leni schaltete in den dritten Gang und bemühte sich, noch fester in die Pedale zu treten. Hinter sich hörte sie die Kette von Ronjas Rad rasseln und knirschen. Ronja hatte sie zwar geölt, doch dadurch eigentlich nur den Rost etwas besser verteilt. Die Straße führte jetzt aus dem Ort hinaus und verwandelte sich in eine ruhige Landstraße. Lenis Oberschenkel begannen zu brennen, vor Schweiß klebte ihr das T-Shirt am Rücken fest. Doch Kneifen galt nicht. Die Abzweigung zum Wald war vielleicht noch achthundert Meter entfernt.

Leni bückte sich noch tiefer über den geschwungenen Lenker, umklammerte die Griffe noch fester und strampelte weiter. Doch ihre Beine wurden müde, und das Gerassel von Ronjas Kette kam stetig näher. Leni biss die Zähne aufeinander, konnte jedoch nicht verhindern, dass Ronja sich langsam neben sie schob. Als ihre Lenker fast gleichauf waren, schoss vo