: Thomas Krüger
: Solo für Opa Roman
: Heyne Verlag
: 9783641223762
: 1
: CHF 10.80
:
: Erzählende Literatur
: German
: 368
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Findet Oma!

Wo steckt nur Margit? Eigentlich hatte Herbert Fröhlich vorgehabt, den Nachmittag über in seinem Lieblingssessel zu dösen und erst wieder aufzustehen, wenn seine Frau ihn zum Essen ruft. Stattdessen tobt plötzlich seine fünfjährige Enkelin durch die Zimmer und zerbricht das Geschirr. Und von Margit keine Spur. Was hat sie noch mal gesagt, wohin sie wollte? Hat sie überhaupt etwas gesagt? Herbert wächst über sich selbst hinaus und erfindet kurzerhand ein Oma-Suchspiel für seine Enkelin. Noch ahnt er nicht, wohin ihn das führen wird …

Thomas Krüger, geboren 1962 in Ostwestfalen, arbeitete zunächst als Journalist für Tageszeitungen und Magazine. Heute ist er Hörbuch- und Kinderbuchverleger, Autor von Kriminalromanen, Kinderbüchern (»Jo Raketen-Po«) und zahllosen Sonetten – u.a. an Donald Duck. Thomas Krüger lebt mit seiner Familie in Bergisch Gladbach bei Köln.

Ohne Sinn und Verstand

Herbert hetzte aus der Haustür, blickte nach links, nach rechts. Von Julia keine Spur. Das Grundstück der Fröhlichs, an einer längeren Zufahrt zwischen Habenschadenstraße und Josef-Breher-Weg gelegen, gehörte zu einem lockeren Verbund geräumiger Ein-, Zweifamilienhäuser im Südzipfel Pullachs. Gegenüber, im Garten der Schröders, war Erika mit Rasen- oder Blumenpflege oder sonst was in Herberts Augen Frauengemäßem beschäftigt. Vielleicht genoss sie aber auch nur die satte Nachmittagssonne dieses Spätsommertags, wie so viele in den Nachbargärten. Erikas Mann Robert saß vermutlich vor der Glotze. Es war ja Samstag, Sportschau-Zeit, kurz nach sechs. Die Bundesliga-Saison hatte begonnen. Erika bemerkte Herbert nicht, und er wollte keinen Alarm schlagen. Es wäre ihm peinlich gewesen, zuzugeben, dass … Ach, Himmel, das Kind musste doch irgendwo zu sehen sein. Er hatte Julia nur ein, zwei Minuten aus den Augen gelassen. Allerhöchstens.

In Herberts Hinterkopf meldete sich ein weiterer Gedanke, verstummte aber schnell: Wenn sich Erika allein im Garten beschäftigte, dann war Margit nicht drüben. Zusammen mit Robert vor dem Fernseher zu sitzen, womöglich mit wie auch immer gefärbtem Vereinsschal um den Hals, käme ihr nie und nimmer in den Sinn.

Der schwarz-weiß geringelte Schwanz einer Katze wanderte rechts am Waldrand entlang. Lilli. Ihr Schwanz glich dem Sehrohr eines U-Bootes auf Angriffsfahrt. Er hatte die Endphase des Krieges zwar nicht bewusst erlebt, aber als Cineast kannte er natürlich diesen Film, der im nahen Grünwald gedreht worden war,Das Boot. Wenn das Sehrohr eines U-Bootes auftauchte, folgte bald der Abschuss des Torpedos. Die Katze verließ das Schröder-Grundstück und pirschte in den Wald, zum Isarkanal hin.Ihr nach, dachte Herbert. Wahrscheinlich war Julia nicht weit: Sie und diese Katze hatten schließlich ein nahezu symbiotisches Verhältnis.

Nach etwa zehn Minuten, das Licht deutete bereits an, dass es bald schwächeln und in die goldene Stunde übergehen würde, fiel ihm auf, wie dämlich er sich benahm. Die Katze war verschwunden. Der Wald war unübersichtlich, verlor sich in Schatten. Hier und dort trabten Jogger an ihm vorbei, die Blicke auf Pulsarmbänder geheftet. Wieso hatte er Erika nicht gefragt, ob sie Julia gesehen hatte? Wenn Julia nach Margit suchte, dann war Erika die natürliche Anlaufstation. Julia musste bei Erika sein, weil sie Margit dort vermutete. Katze hin oder her.Erst die Oma, dann die Katze, dann … Wann komme eigentlichICHauf der Werteskala dieses Kindes?, dachte er.

Herbert stapfte verärgert zurück, nahm Kurs auf das Haus der Schröders. Als er aus dem Wald trat, fiel sein erster Blick jedoch auf die eigene Haustür. Und die stand offen. Sperrangelweit.

Eine halbe Sekunde lang fühlte Herbert Erleichterung. Julia musste zurück sein und hatte, ganz Kind, vergessen, die Tür hinter sich zuzuziehen. Sein pedantisches Gehirn aber führte ihm die Geschehnisse der vergangenen Minuten noch einmal vor, und er erkannte, wer schuld war an dieser Bresche in seinem Festungswall.

Er selbst. Er war einfach rausgestürmt. Hals über Kopf.

Plötzlich huschte ein Mann aus