Der Mond über Valestrand
Gestern bin ich mit den ersten Kisten hergefahren. Habe ein provisorisches Schlafzimmer im Speicher eingerichtet und unsere Kleidung in alten, abgeschabten Kommoden verstaut. Kurz darauf, als J in seinem Kinderwagen unter dem großen Baum eingeschlafen war, stand ich mit einem Rechen in der Hand und einem albernen Strohhut auf dem Kopf im Garten. Frisch gemähtes Gras lag in kleinen, verfilzten Haufen um mich herum, drei Adler kreisten hoch über uns, und ich dachte:Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?
Wir werden für ein halbes Jahr auf dem leerstehenden kleinen Bauernhof meiner Schwiegerfamilie leben.
Warum, das wissen wir selbst nicht so recht. Wir hatten von anderen gehört, die während der Elternzeit nach New York, Buenos Aires, Bangkok zogen. Als unser Sohn gerade geboren war, diskutierten wir darüber, wo wir hinziehen sollten. London? Paris? Bis wir beide riefen: »Valestrand?!«
Diesen Traum hatten wir von Zeit zu Zeit immer mal wieder gehabt: der Zivilisation den Rücken kehren und aufs Land ziehen. Ich wegen einer klischeehaften Vorstellung, der Wegzug aus der Stadt würde automatisch »Ruhe zum Schreiben« bedeuten. Wittgenstein hatte seine Hütte in Skjolden, C. G. Jung seinen Turm in Bollingen, Montaigne seinen Turm im Périgord – und ich mein altes Bauernhaus in Valestrand. Mein Lebensgefährte, weil sein Vater auf diesem Hof aufgewachsen war, der nunmehr seit zwanzig Jahren leer stand und an dem keiner aus der Familie Interesse hatte. Wir auch nicht, bislang, aber man könnte es ja mal ausprobieren, oder?
Warum jetzt aus Oslo weg, nach fast zehn Jahren? Davor hatte es uns nach Bergen verschlagen, wie die meisten anderen, die dort studiert und ihre ersten Jobs gefunden hatten. Etwas anderes als die Stadt war eigentlich nie in Frage gekommen, und jetzt saßen wir in unserer hart erkämpften Wohnung fest, mit unseren jeweiligen Arbeitsplätzen im Zentrum von Oslo, unseren guten Freunden und unserem im Großen und Ganzen sehr angenehmen Leben. Aber plötzlich auch mit diesem halben Jahr Elternzeit, um etwas anderes auszuprobieren, näher an den Großeltern zu sein, zu sehen, wie wir in einem völlig anderen Ökosystem zurechtkämen.
Valestrand liegt ganz im Norden des Landkreises Sveio, ganz im Süden von Hordaland, und besteht aus Valevåg und Tittelsnes, zur großen Verwirrung aller Beteiligten. Sind Valevåg und Tittelsnes zwei Gemeinden im Ballungsraum Valestrand, oder sind es zwei Ballungsräume in der Gemeinde Valestrand? Ist Tittelsnes ein Teil des Ballungsraums Valevåg, so wie es bei Wikipedia steht, und ist Valevåg ein Ballungsraum südlich der Gemeinde Valestrand, wie es auch bei Wikipedia steht?! Am besten, man denkt gar nicht darüber nach. Fakt ist, dass hier insgesamt ungefähr siebenhundert Einwohner leben.
Wir haben uns dafür entschieden, allen zu sagen, dass wir in Valevåg wohnen. Hier liegt Valenheimen, die Schweizervilla, in der Fartein Valen sein ganzes Erwachsenenleben lang gewohnt und komponiert hat. Die Extrem-Metal-Band Enslaved kam von hier. Hier gibt es einen Cholerafriedhof, einen stillgelegten Fähranleger, eine Baumschule und einen Hof aus dem 16. Jahrhundert mit siebzehn denkmalgeschützten Bauten, auf dem das erste Fahrrad des Landes zusammengeschraubt wurde.
Der Hof, auf dem wir wohnen, gehört der Großmutter vo